Call for Papers: Adel im Grenzraum

Dienstag, 14. Februar 2017

Bewerbungsschluss: 28. Februar 2017

Transkulturelle Verflechtungen im Preußenland vom 18. bis zum 20. Jahrhundert

DHI Warschau

Im Blickfeld der geplanten Tagung liegen die transkulturellen Verflechtungen innerhalb des Adels im Preußenland im Zeitraum vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Das Preußenland wird zum einen als eine historische Landschaft betrachtet, zum anderen als einer aus verschiedenen Subregionen bestehender Grenzraum. Dabei kann man die Situierung im Grenzraum in diesem Falle unterschiedlich reflektieren, von der Kontaktzone der Kulturen, über die Lage an der Schnittstelle von West- und Osteuropa bis zum Status einer historischen Region, die heute unter verschiedene Nationalstaaten geteilt ist. Die von fließenden Grenzen und von der wechselnden staatlichen Zugehörigkeit geprägte Lage wirkt bis in die Gegenwart nicht selten in Form von Phantomgrenzen, aber auch in diversen Legitimationsbezügen nach. Der Adel in Preußen wird dabei in seinen europäischen und transregionalen Verflechtungen sowie im Kontext wechselnder Herrschaftsverhältnisse betrachtet. Von Heterogenität der Erfahrungen und der sozialen Strategien gekennzeichnet, bildete er in dieser landwirtschaftlich geprägten Region bis 1945 die gesellschaftliche Elite, die über vielfache interne Differenzierungen hinweg die Kategorie der ‚Adligkeit‘ verband. 
In den Blick der interdisziplinären Reflexion geraten gerade die Überschneidungspunkte – Akteure, Institutionen und Bereiche, in denen es über „klassische“ nationale Binärpositionierungen und Dichotomisierungen hinweg zur Intensivierung interkultureller Wahrnehmungen und Transfers gekommen ist, und an denen es demzufolge Raum sowohl für Hybridisierungen als auch für Kategorisierungen entstehen konnte. Dabei soll untersucht werden, auf welche Art und Weise Mobilität, grenzüberschreitende Familienbeziehungen oder auch längerfristiges Exil zur Herausbildung von transnationalen Verflechtungen und interkulturellen Wahrnehmungen, oder aber zu neuen sozialen, kulturellen und nationalen Abgrenzungen und Distanzierungen führten. 
Gegenstand der Aufmerksamkeit der geplanten Tagung werden die textuellen Repräsentationen des preußischen Adels sein, die zum Teil von dessen Vertretern selbst stammen. Es handelt sich dabei um autobiographische, literarische, historiographische und visuelle Texte, die die Begegnung zweier bzw. mehrerer unterschiedlicher oder gar gegensätzlicher Kulturkreise wiedergeben bzw. reflektieren. In den Fokus wird auch die Frage nach der Integration des (sub)regionalen Aspekts in den jeweiligen Selbstinszenierungen genommen. Die Fragestellung trifft insbesondere solche Forschungsansätze wie die der Gedächtnisforschung bis zur kulturellen Hybridität, Alterität und Dialogizität. Die Fragestellung richtet sich dabei auf folgende im Zusammenhang stehende Themenbereiche:
Der erste zielt auf das Dazwischen und das Durcheinander, sowie Ineinanderübergehen kultureller Phänomene innerhalb des Adels in Preußen, zugleich aber auf Abgrenzung und Distanzierung unter Bezugnahme auf kulturelle Phänomene. Die Fragestellung bezieht sich auf die textuellen Konstruktionen von individuellen und kollektiven Selbstbeschreibungen von Vertretern des Adels, die das Spannungsverhältnis von diversen kollektiven wie individuellen Identitäten und Identitätsverflechtungen thematisieren. Im Mittelpunkt des Interesses stehen daher u.a. raumbezogene Selbst- und Fremdzuschreibungen sowie Markierungen von kultureller Differenz, die mit den funktionierenden gesellschaftlichen Konstruktionen interagieren. Dies umfasst auch Raumbezüge in kollektiven Erinnerungsnarrativen, u.a. im Hinblick auf Familiengedächtnis zum einen, ‚mental maps‘ zum anderen, vermittelt etwa durch Phänomene der ‚Postmemory‘. 
Es handelt sich auch um kontextbedingte Sinnstiftungen in Bezug auf die jeweilige Erinnerungsfigur. Dabei kann auch der intergenerationelle Ansatz einbezogen sowie der Mediendiskurs in dieser Hinsicht befragt werden. Berücksichtigt werden sollen auch die klassischen Fragen in diesem Zusammenhang, insbesondere, wie die Begriffe ‚Adligkeit‘ ‚Grenze‘ und ‚Landschaft‘ mit Sinn aufgeladen werden. Hinterfragt werden nicht nur die Projektionen und Repräsentationen selbst, sondern auch, wie darüber reflektiert und wie dies textuell, visuell oder symbolisch vermittelt wird. Auch verwendete Erzählstrategien kommen dabei zur Sprache. 
Da man hinsichtlich der Geschichte des Preußenlandes von mehreren historischen Zäsuren sprechen kann, zielt der nächste Themenbereich auf den Aspekt der Liminalität. Es handelt sich daher um kollektive und individuelle Selbstinszenierungen, die in den Bereich der Übergangsphase fallen bzw. die Schwellenphase(n) reflektieren. 
Die geplante Tagung hat einen sowohl praxisorientierten als auch theoretischen Austausch zum Ziel. In den Blick genommen werden deshalb Fallstudien genauso wie Operationalisierungen bereits funktionierender Typologien und Konzepte. Auch punktuelle, kontextuelle und komparative Ausblicke auf die weiteren historischen Regionen Mitteleuropas werden begrüßt.
Themenvorschläge (ca. 1500 Anschläge) werden bis zum 28. Februar an die E-Mail-Adressen der Organisatoren erbeten. Die Tagung wird simultan übersetzt (Tagungssprachen: Polnisch und Deutsch). Geplant ist auch eine Studienreise in den ehemaligen Landkreis Sztum / Stuhm und ein Besuch des Museums für Adelstraditionen in Waplewo Wielkie / Waplitz, geführt von Maciej Kraiński, dem Leiter des Museums.