Wissen auf der Flucht. Ein Memorandum

Freitag, 18. Dezember 2015

Veröffentlicht im Anschluss an die Veranstaltung "Wissen auf der Flucht. Deutsche Akademikerinnen und Akademiker auf der Flucht, 1933-1945" am 17. Dezember 2015 in American Academy Berlin.

18. Dezember 2015
PD Dr. Carola Dietze (Universität Gießen)
Prof. Dr. Claus-Dieter Krohn (Universität Lüneburg)
Prof. Dr. Simone Lässig (German Historical Institute Washington)
Prof. Dr. Stefan Leder (Orient-Institut Beirut)
Prof. Dr. Dr. h. c. Hartmut Lehmann (Universität Kiel)
Prof. Dr. Martin Schulze Wessel (Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, LMU München)

Wissen auf der Flucht. Ein Memorandum

Aus der Geschichte kann man nur selten direkt lernen. Was den Umgang mit den Flüchtlingen aus dem Nahen und Mittleren Osten betrifft, gibt es jedoch Erfahrungen, die einen solchen Lernprozess ermöglichen können. Darauf verwies das am 17. Dezember in der American Academy in Berlin vom Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, der Max Weber Stiftung und dem Deutschen Historischen Institut Washington unter Leitung von Simone Lässig und Carola Dietze veranstaltete Symposium „Wissen auf der Flucht. Deutsche Akademikerinnen und Akademiker auf der Flucht, 1933-1945“. Die Veranstaltung beschäftigte sich mit der Aufnahme und Integration von politisch und religiös Verfolgten aus dem nationalsozialistisch beherrschten Deutschland in verschiedenen westeuropäischen Ländern, in der Türkei und in den Vereinigten Staaten von Amerika in den Jahren nach 1933.

Vor diesem historischen Hintergrund begrüßen die Unterzeichnenden dieses Memorandums, dass eine Reihe von Stiftungen, Universitäten sowie politische und private Akteure ähnliche Initiativen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Nahen und Mittleren Osten ergriffen haben. Wir halten es für notwendig, dass diese Initiativen mit langem Atem verfolgt werden.

In den 1930er und 1940er Jahren zeigten eine Reihe von Maßnahmen zur Aufnahme und Integration von aus Deutschland und Europa geflohenen Akademikerinnen und Akademikern nachhaltige Wirkung:
a) Der Wirtschaftswissenschaftler Alvin Johnson etablierte 1933 an der New School for Social Research in New York eine Graduate School, die University in Exile, an der insgesamt 183 Hochschullehrer, Politiker und hohe Verwaltungsbeamte forschten und lehrten, die aus Deutschland, Österreich und Italien geflohen waren (darunter Hans Kelsen, Arnold Brecht und später Hannah Arendt sowie als Gäste Thomas Mann und Paul Tillich). Die University in Exile vereinigte die größte Gruppe an geflüchteten Akademikern aus Deutschland und diente der Politikberatung sowie dem Ideentransfer von und nach Europa. Die Graduiertenschule und ihre Mitglieder wurden durch Spenden sowie Stipendien von Privatpersonen und Stiftungen finanziert.
b) Große amerikanische Stiftungen wie die Rockefeller und die Carnegie Foundation und Organisationen wie das Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars vergaben Stipendien und Anschubfinanzierungen an Akademiker, die aus Deutschland, Österreich und Italien geflohen waren und in den USA oder anderen Aufnahmeländern Anschluss an eine Universität fanden, die sie gern als Hochschullehrer gewinnen wollte. Die Vermittlung geschah über Listen, auf denen die Flüchtlinge aufgeführt waren.
c) Stipendien wurden auch an eine größere Anzahl jüngerer Flüchtlinge vergeben, die ein Zeugnis der Hochschulreife mitbrachten. Damit wurde ihnen die Möglichkeit gegeben, an Universitäten im Exilland zu studieren. Viele von ihnen sind bedeutende Intellektuelle geworden, die in vielfältiger Hinsicht Brücken zwischen den USA und ihren Herkunftsländern gebaut haben und aktiv in die Planungen für den Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands eingebunden waren.

Die gezielte Förderung akademisch gebildeter Flüchtlinge hatte ebenso positive Folgen für das Gastland wie für die Herkunftsländer: So trug die Politikberatung der europäischen Emigranten in den USA dazu bei, für Europa einen Weg aus der Gewaltspirale zu finden und für die Zeit nach dem Ende des Krieges nachhaltige, demokratisch orientierte politische Lösungen zu schaffen. Emigranten und Remigranten, die in ihren Exilländern demokratisch funktionierende Gesellschaften kennengelernt hatten, leisteten nach Ende des Krieges einen maßgeblichen Beitrag zum Aufbau und zur Stabilisierung der Demokratie in der Bundesrepublik (man denke nur an profilierte Sozialwissenschaftler wie Ernst Fraenkel, Richard Löwenthal und Ossip Flechtheim in Berlin, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in Frankfurt, Arnold Bergstraesser in Freiburg, Helmuth Plessner in Göttingen oder an Politiker wie Ernst Reuter in Berlin, Max Brauer in Hamburg oder Wilhelm Hoegner in Bayern).

In den USA aber auch in anderen Zufluchtsländern wurden akademische Disziplinen gestärkt oder neu geschaffen. Die Zuwanderung von Akademikern trug dazu bei, dass amerikanische Wissenschaftseinrichtungen zu den führenden der Welt wurden. Innerhalb der USA stand ein umfangreiches Expertenwissen zu Fragen der europäischen Geschichte und Gesellschaft zur Verfügung, das nicht zuletzt für die Ausbildung amerikanischer Politiker, Diplomaten und Wirtschaftseliten genutzt werden konnte.

Auch die Türkei bot vielen deutschsprachigen Wissenschaftlern, Musikern und Kulturschaffenden in den Jahren nach 1933 Zuflucht. Ihre Tätigkeit an den Universitäten und Hochschulen des Landes leistete einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung und für eine Annäherung an Europa. Auch aus der Türkei fanden herausragende Wissenschaftler den Weg zurück an deutsche Universitäten, man denke an Ernst Eduard Hirsch, Hans Marchand, Fritz Neumark und Georg Rohda.

Die Emigration aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, die wir aktuell erleben, unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von der Emigration aus Europa nach 1933. Gleichwohl sind zentrale historische Erfahrungen der akademischen Flüchtlingshilfe auch, ja gerade angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen relevant.

Eine Reihe von Akteuren hat – ob direkt vom amerikanischen Beispiel inspiriert oder nicht – bereits Initiativen gestartet, die geflohenen Akademikern die Chance geben können, ihre Expertise in und für europäische Gesellschaften einzubringen. So haben die EU, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Alexander von Humboldt-Stiftung je spezielle, aber auch aufeinander abgestimmte Programme auf den Weg gebracht. Die nach Philipp Schwartz, dem Begründer der „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ (1933), benannte Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung wird von fünf großen Stiftungen (Krupp von Bohlen und Halbach, Fritz Thyssen, Gerda Henkel, Klaus Tschira, Robert Bosch) und dem Auswärtigen Amt unterstützt.

Als Historikerinnen und Historiker begrüßen wir all diese Konzepte und Ansätze. Sie fördern das Expertenwissen über den Nahen und Mittleren Osten in Deutschland wie Europa und können im Dialog die Entwicklung von Demokratie, Chancengleichheit und Rechtsstaatlichkeit in den Herkunftsländern der Geflüchteten unterstützen.

Die deutsche Erfahrung hat gezeigt, dass eine offene Gesellschaft gerade nicht allein at gunpoint aufgebaut werden kann, sondern der Gewinnung ihrer Bürger bedarf. Emigranten und Remigranten haben sich in Deutschland als wichtige Vermittler demokratischer Überzeugung erwiesen. Mit Hilfe von Programmen für geflohene Akademikerinnen und Akademiker aus dem Nahen und Mittleren Osten kann Deutschland ebenso wie andere Länder in der Europäischen Union einen wichtigen Beitrag zur Zukunftsgestaltung leisten. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, deren wissenschaftliches Potenzial zu fördern.

Das Memorandum wird veröffentlicht im Anschluss an die Veranstaltung „Wissen auf der Flucht. Deutsche Akademikerinnen und Akademiker auf der Flucht, 1933-1945“ am 17. Dezember 2015 in American Academy Berlin. Das Programm ist hier einsehbar: www.historikerverband.de/verband/veranstaltungen/wissen-auf-der-flucht.html.

Kontakt:
Dr. Nora Hilgert
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V.
c/o Goethe-Universität, Senckenberganlage 31-33, 60325 Frankfurt am Main
Tel.: 01736624432; E-Mail: info(at)historikerverband.de