Interaktionsräume deutsch-französischer Wirtschaftseliten, 1920–1950

Donnerstag, 21. September 2017

21.–22.09.2017, Tagung, DHI Paris

Organisation: Dr. Philipp Müller (Université de Fribourg), Prof. Dr. Hervé Joly (CNRS/UMR Triangle/Université de Lyon), Dr. Stefan Martens (DHI Paris)

Wirtschaftseliten haben zwischen den 1920er und den 1950er Jahren die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich entscheidend mitbestimmt. Konzernchefs, Unternehmensleiter, Aufsichtsräte oder Verbandsführer, waren Teil von Versuchen ökonomischer Absicherung, politischer Einhegung, militärischer Besatzung und wirtschaftlichem Wiederaufbau. Ihre Kontakte reichten über die Zäsuren von Regimewechsel, Kriegsbeginn und Kriegsende hinweg und fanden Ausdruck in einer Vielzahl von Assoziationen und Institutionen, die ganz oder in zentralen Aspekten von Repräsentanten ökonomischer Interessen getragen wurden.

So befassten sich die Mitglieder des Deutsch-Französischen Studienkomitees, das 1926 auf Initiative des luxemburgischen Industriellen Émile Mayrisch entstand, auf ihren Treffen besonders mit Fragen der nationalen und internationalen Wirtschaftsentwicklung, die u.a. durch den deutsch-französischen Handelsvertrag von 1927 an neuer Aktualität gewannen. Einige von ihnen gehörten auch der Union douanière européenne an die bereits seit 1925 bestand und zunehmend statt eines allgemeinen europäischen Wirtschaftsraums Absprachen deutsch-französischer Unternehmen ins Zentrum rückte. Überschneidungen in der Mitgliedschaft prominenter Vertreter der Wirtschaftseliten ergaben sich auch durch die Gründung des Comité France-Allemagne (1935), das es sich zum Ziel setzte, die privaten und öffentlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zu fördern – wobei die französischen Beteiligten die Bedrohung durch das Nazi-Regime ignorierten. Die Wirtschaftsverbindungen, die mithilfe dieser Organisationen geknüpft wurden, fanden während der deutschen Besatzung Frankreichs eine Fortsetzung – unter Verhältnissen, die von der Besatzungsmacht weitgehend diktiert wurden. Die vielfältigen Formen der Wirtschaftskollaboration – wie die Lieferung von Rohstoffen, Industrie- und Konsumgütern, Versorgung von Arbeitskräften, seltener die Gründung deutsch-französischer Unternehmen wie Francolor in der Farbenindustrie oder France-Rayonne in der Kunstfaserindustrie – schufen zugleich Gelegenheiten des Kontakts zwischen privatwirtschaftlichen Verantwortungsträgern. Nach dem Krieg entstanden in der französischen Besatzungszone neue Formen des wirtschaftlichen Austauschs unter zunächst umgekehrten Kräfteverhältnissen. Zugleich fanden sich Teilnehmer der Vorkriegsorganisationen in der Ligue européenne de coopération économique (1946), der Association pour le commerce et l’industrie français en Allemagne (1947) oder der Association française pour les relations économiques avec l’Allemagne (1949) wieder.

Die Tagung möchte die Kontinuitäten der Kontakte deutscher und französischer Wirtschaftseliten untersuchen und auf diese Weise die europäische Integration von ihrer Vorgeschichte her in den Blick nehmen. Dabei soll danach gefragt werden, wie und in welchen Formen Angehörige der wirtschaftlichen Eliten zu Vertretern staatlicher Wirtschaftspolitik wurden, wie dieser Rollenwandel durch deren soziales und politisches Selbstverständnis ermöglicht und seinerseits durch die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen beeinflusst wurde. Es stellt sich auch die Frage, inwieweit diese Entwicklung durch die Nähe der Karrierewege politischer und administrativer Eliten gefördert wurde. Ziel ist, zu prüfen, inwieweit die deutsch-französischen Beziehungen zwischen den 1920er und 1950er Jahren aus der Geschichte des Wandels der Wirtschaftseliten und ihrer Verbindungen neu zu verstehen ist. 
Die Tagung findet am 21.–22. September 2017 im Deutschen Historischen Institut Paris statt. Die Kosten der Referenten für Reise (innerhalb Europas) und Übernachtung werden übernommen. Konferenzsprachen sind Französisch und Englisch. 

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