"Revolutionäre Biografien im 19. und 20. Jahrhundert. Imperial – inter/national – dekolonial"

Donnerstag, 21. September 2017

21.-23.09.2017, Stiftungskonferenz, DHI Moskau

Stiftungskonferenz 2017, DHI Moskau

Die Revolutionen der Gegenwart haben ein Paradigma aktualisiert, das mit dem Zusammenbruch des Kommunismus obsolet geworden zu sein schien. Eine erneute Auseinandersetzung mit dem offenbar aber wiederkehrenden Phänomen legt nahe, nicht nur räumlich und zeitlich breiter als die bisherige Forschung anzusetzen. Während einerseits der „Rote Oktober“, einer der wirkmächtigsten Gründungsmythen des 20. Jahrhunderts, in wenigen Jahren entzaubert wurde, weckten andererseits die „Farbenrevolutionen“ in den postsozialistischen Staaten Erinnerungen an jene Anfänge, die das Vorfeld historischer Umwälzungen kennzeichnen. Ob es bloße Nachbeben der Sowjetepoche waren, die das „Ende einer Illusion“ (François Furet) besiegelten, ist ebenso offen, wie die Frage, ob die „Arabellionen“ noch einem historischen Muster folgen. Sie können ebenso als eine hybride Form der Dekolonisation nach dem Kalten Krieg und somit als neues revolutionäres Zeitalter wahrgenommen werden, in dem Failed states den Ausgangspunkt einer Neukartierung der Welt einleiten. In jedem Fall bestätigt das Ausgreifen in virtuelle Räume, dass Medien heute wie schon im 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle bei der Ausbreitung radikaler Ideen, aber ebenso der Revolutionsfurcht spielen.

Ziel der Stiftungskonferenz der Max Weber Stiftung ist es, vor diesem Hintergrund revolutionäre Biographien auf neue Weise zu befragen. Im Blickpunkt sollen das Selbstverständnis der Akteure und ihre mediale Selbstinszenierung stehen – die moderne „Revolution“ also entlang individueller oder gruppenspezifischer Lebensläufe analysiert werden. Nicht das Revolutionsjahr 1917 in Russland bildet deshalb den Ausgangspunkt, wenngleich sein 100. Jahrestag den Anstoß zu dieser Konferenz gibt. Vielmehr soll ein zeitlicher Bogen von den revolutionären Prozessen des frühen 19. Jahrhunderts bis hin zu den hybriden Revolutionen des späten 20. Jahrhunderts geschlagen werden. In einen großen historischen und geographischen Bezugsrahmen gestellt, soll ein Vergleich revolutionärer Biographien es erlauben, langfristig ähnliche oder variable Denk-, Verhaltens- und Identifikationsmuster zu erkennen, die sich in nationalen und sozialen, anti-imperialen und de-kolonialen, globalen und regionalen Bewegungen manifestierten.

Revolutionäre Akteure waren lange Zeit Gegenstand einer spezifischen Gattung von offiziellen oder populären Heldenerzählungen. Diese hatten unterschiedliche legitimierende politische und soziale Funktion, zeichneten sich in der Regel durch eine minimalistische empirische Datenbasis aus und schufen durch verklärendes Beiwerk die Grundlagen moderner Personenkulte. Revolutionäre Staaten und Regime bedienten sich ihrer ebenso wie Sympathisanten gescheiterter Rebellionen oder Nachahmer historischer Vorbilder. Intertextuelle Anleihen bei anderen literarischen Gattungen, etwa Heiligenlegenden oder romantischen Künstlerleben, liegen auf der Hand. Prominenten Akteuren wurden feste Rollen zugeschrieben, sei es als „Urväter“ oder „Großmütter“ einer „Bewegung“, als „Wegbereiter“ einer erst später erfolgreichen Revolution, als Staatsgründer oder als treue Bewahrer eines revolutionären Erbes. Neben solchen Ahnengalerien fortschreitenden Erfolgs gab es einen meist negativ konnotierten Kanon. Ihn repräsentierten Anti-Helden oder „Häretiker“, also Rivalen der „Sieger“, die – je nach Perspektive – das dogmatische Regelwerk im Sinne der Herrschenden „falsch“ ausgelegt hatten oder aber im Sinne ihrer verbliebenen Gefolgsleute lediglich im Machtkampf unterlegen waren und zu Unrecht verfemt wurden. Diese Verklärungsliteratur und ihre korrespondierenden Gegenbilder haben die klassische internationale Biographik zum Thema lange Zeit geprägt. Meist standen prominente Akteure im Vordergrund, die eher Ausnahmecharaktere waren und für besondere Umstände standen. Typologische Untersuchungen blieben in der Forschung hingegen noch vergleichsweise selten.

Im Unterschied dazu hat das biographische Genre in jüngster Zeit innovative Methoden entwickelt und erprobt, die sich maßgeblich der Analyse biographischer und autobiographischer Texte bzw. der Herrschaftszusammenhänge des Schreibens verdanken. Es liegt nahe, die Erkenntnisse über solche Praktiken und über die Entstehung moderner Personenkulte zu nutzen, um das Feld des Revolutionären, seine Semantik und seinen Aktivismus, die ideellen Anreize und die enthemmte Gewaltorientierung in einem breiten geographischen und historischen Kontext vergleichend, interregional, epochenübergreifend und multidisziplinär neu zu vermessen. Die Biographie als Methode und Darstellungsform moderner Geschichtsschreibung kann historische Längsschnitte ebenso umfassen wie individuell-lokale Mikrostudien, soziologische Strukturanalysen von Kleingruppen und Herkunftsmilieus ihrer männlichen und weiblichen, jugendlichen und erwachsenen Mitglieder wie die literaturwissenschaftliche Exegese von normativen Texten oder Selbstzeugnissen, äußeren Zuschreibungen und Selbstdeutungen. Dies kann dazu führen, dass abstrakte Festlegungen auf „Epochenbrüche“ oder „Kontinuitäten“ hinterfragt werden müssen.

Unverzichtbar wird es sein, die nun zugänglichen, lange sekretierten persönlichen Nachlässe sowie die großen Bestände staatlicher Akten in eine solche Revision einzubeziehen. Autobiographien und andere Selbstzeugnisse, Erinnerungen, Briefe und Tagebücher verdienen es, wenn nicht überhaupt erstmals erschlossen, so doch aus einer meist selektiven Lektürepraxis befreit zu werden. Nicht nur das Alte und Bekannte soll neu betrachtet werden, sondern es dürfte vieles auch erstmals entdeckt und Übersehenes integriert werden. Die geplante Konferenz möchte also international vergleichend fragen nach

  • den multiplen Entstehungszusammenhängen revolutionärer Lebensläufe,
  • den Selbst-Projekten als Ausdruck, die Geschichte aktiv mit gestalten zu wollen,
  • spezifischen Prädispositionen „revolutionärer Subjekte“, die sich etwa aus der Erfahrung von Alterskohorten oder der Geschlechterzugehörigkeit, aus der Exil-Existenz oder der Dynamik der Dekolonisierung ergaben,
  • der sozialen und geographischen Mobilität der Akteure,
  • den narrativen Mustern von Selbstzuschreibungen und performativen Selbst-Inszenierungen,
  • den besonderen Umständen, die Personen an die Spitze von Bewegungen, Aufständen und Umstürzen brachten und zu Hauptakteuren des Geschehens machten,
  • den Mustern performativer Selbstermächtigung und unbedingter Gewaltbereitschaft,
  • individuellen Motiven, gruppenspezifischen Verhaltensmustern und Strukturmerkmalen elitärer Netzwerke,
  • Legitimationsstrategien und langfristigen Traditionsbildungen.

Ort: Moskau

Konferenzsprachen: Deutsch, Russisch und Englisch