dpa-Interview mit Prof. Heinz Duchhardt zum Wiener Kongress

Tuesday, 16. September 2014

Wien (dpa) - Die Feldzüge Napoleons hatten die Grenzen und Machtverhältnisse in Europa neu geordnet. Nach der Niederlage des Korsen galt es, eine neue, möglichst beständige Ordnung zu finden.

Aus Sicht des Mainzer Historikers Heinz Duchhardt hat - bei aller berechtigten Kritik - der Wiener Kongress nicht ungeschickt agiert.

Frage: Wie sehr trifft das Bonmot: «Der Kongress tanzt, aber er bewegt sich nicht» das Geschehen? 

Antwort: Gerade zum Jahreswechsel 1814/1815 konnten die Bürger Wiens durchaus den Eindruck gewinnen, dass der Kongress vor allem tanzt - es gab viele Feuerwerke, Paraden, Redouten und Bälle. Die Stimmungslage vieler Teilnehmer schwankte zwischen einer vorläufigen Langeweile und Amüsement. Die Arbeit schien in den Hintergrund gedrängt. 

Frage: Das ist aber nur die halbe Wahrheit? 

Antwort: In Wirklichkeit gab es aber schon sehr intensive Gespräche in allen möglichen Konstellationen, aber nie in einem Plenum. Thematisch ausgerichtete Kommissionen und Komitees spielten eine zentrale Rolle. Das war eine neue Stufe des Kongresswesens. 

Frage: Wurde nach der gewaltvollen Neugestaltung Europas durch Napoleon die Uhr einfach wieder zurückgedreht? 

Antwort: Nein. Es war keine einfache «Restauration» der Lage vor Napoleon. Es war vielmehr eine zeitgemäße Fortentwicklung der europäischen Landkarte, eine zeitgemäße Antwort auf Napoleon, dessen Eingriffe in die politischen Strukturen zu einem guten Teil übernommen werden. Die Wiener Ordnung basiert auf dem Syndikat der fünf Großmächte. 

Frage: Welche Hoffnungen erfüllten sich nicht? 

Antwort: Hoffnungen gerade der Deutschen auf nationale Einheit wurden enttäuscht. Viele Menschen haben sich mehr erwartet, beispielsweise einen Kanon von Menschen- und Bürgerrechten.

Frage: Welcher Fehler wurde - gerade im Rückblick - gemacht? 

Antwort: Das Osmanische Reich hat weder als Beobachter noch als Mitglied am Kongress teilgenommen. Zwar galt das Osmanische Reich noch nicht als «kranker Mann am Bosporus», aber gewisse Dekadenzerscheinungen waren spürbar. Der Balkan blieb ungeordnet und wurde zum Pulverfass, das hundert Jahre später zünden wird.

 

Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Hamburg, www.dpa.de