«Réalité autre, mais réalité quand même» Hans Hartung und die Abstraktion

Thursday, 12. January 2017

12.-13.01.2017, Internationale Tagung, DFK Paris

1949, vier Jahre nach Kriegsende, gab der Stuttgarter Neurologe und Kunstsammler Ottomar Domnick die erste (dreisprachige) Monographie zu dem bis dato kaum bekannten Maler und Graphiker Hans Hartung (1904-1989) heraus. Gleichwohl ordnete Madeleine Rousseau den Künstler in ihrem einleitenden Essai bereits in die Geschichte der Abstraktion ein: Er habe eine "neue Sprache gefunden", die von den "Erfahrungen der gegenwärtigen Realität" geprägt seien. Tatsächlich nahm Hartung eine bedeutende Rolle in der europäischen Kunstgeschichte nach 1945 ein, feierte er doch mit seinen Teilnahmen u.a. auf den ersten drei documenta-Ausstellungen und 1960 mit dem Großen Preis für Malerei auf der Biennale di Venezia internationale Erfolge, galt als Inbegriff der École de Paris, ja der abstrakten Nachkriegsmoderne an sich.

Knapp drei Jahrzehnte nach seinem Tod möchte die Tagung Hans Hartung und die Abstraktion eine Neubewertung des deutschen Künstlers mit französischem Paß vornehmen, indem sein intermediales Œuvre und seine bewegte Biographie in unterschiedlichen kunsthistorischen, historischen, medialen sowie ökonomischen Kontexten diskutiert werden. Dabei bieten die Archive der Fondation HartungBergman in Antibes Möglichkeiten der neuen Erschließung und Bewertung. Ausgehend von einer kritischen Neuedition der Hartungschen Memoiren Autoportrait (1976), die 2016 erscheint, soll zunächst nach der Selbstdarstellung sowie nach der Wahrnehmung des Künstlers durch seine Zeitgenossen gefragt werden.

Wie vermittelte und inszenierte Hartung sein eigenes Werk und den Arbeitsprozess im Atelier? In diesem Zusammenhang sollen einerseits die vielfältigen Techniken, Materialien sowie Hartungs spezifischer Werkprozeß zwischen Expressionismus und Abstraktion, zwischen Bleistift und Spritzpistole, zwischen Leinwand und Cliché betrachtet werden. Inwiefern haben andererseits Photographie, Film, Fachpresse sowie Massenmedien dazu beigetragen, Hartung als Inbegriff der Moderne zu mediatisieren beziehungsweise zu popularisieren? Eine weitere Sektion möchte den Netzwerken und Itinerarien des Künstlers nachgehen, dessen verschiedene Lebensabschnitte zwischen Leipzig und Paris, zwischen Dresden, Menorca und Antibes, ihn mit unterschiedlichen Künstlern, Kritikern und Kunstströmungen zusammengeführt haben. Welche Auswirkungen hatten diese Orte, Begegnungen, künstlerischen Wahlverwandtschaften aber auch Ablehnungen auf Hartungs Schaffen? Im Hinblick auf die parallelen Schicksale und künstlerischen Entwicklungen u.a. von Wols, Arp oder auch de Staël, Fautrier und Soulages stellt sich die Frage, welche Rolle Hartung im großen Diskurs um die Abstraktion spielte. Vor diesem Hintergrund gilt es, nach den Kunsthändlern, Vermittlern, Sammlern und Museen zu fragen, die zu seinem internationalen Erfolg beigetragen haben. Welche ökonomischen Mechanismen und Strategien kamen hier zum Tragen? Welche Bedeutung kommt den deutsch-französischen und europäischen Entwicklungen des Kunstmarkts des 20. Jahrhunderts zu? Wie lässt sich die häufig als missglückt beschriebene amerikanische Rezeption Hartungs verstehen, obwohl die ersten Kontakte bereits auf die 1930er Jahre zurückgehen?

Ausgehend von seiner ersten Ausstellung in Dresden 1931, über die Biennale in Venedig 1960 bis hin zu den aktuellen Ausstellungen soll Hartungs Karriere – sowie die anderer Vertreter der abstrakten Kunst – auch unter dem Blickwinkel der Exhibition Studies gelesen werden. Zudem wird zu analysieren sein, inwieweit sich in Hartungs Werk die historischen Zäsuren des 20. Jahrhunderts, von denen er selbst unmittelbar betroffen war, widerspiegeln. So fragt Madeleine Rousseau, ob die Gemälde, die 1949 entstanden waren, unmittelbar nachdem Hartung erstmals wieder sein Geburtslande besucht hatte, vom "Anblick der zerstörten deutschen Städte" inspiriert seien. Tatsächlich muß Hartungs Denken und Schaffen stärker als bisher und im Vergleich mit anderen Künstlern in den historischen und politischen Kontext zwischen Spanischem Bürgerkrieg und Exil, zwischen Zweitem Weltkrieg und Deutscher Teilung verortet werden. Die Tagung wird von Thomas Kirchner (Deutsches Forum für Kunstgeschichte), Antje Kramer-Mallordy (Université Rennes 2/Archives de la Critique d’Art) und Martin Schieder (Universität Leipzig) organisiert. Sie richtet sich an alle interessierten Wissenschaftler/-innen, die sich nicht nur speziell mit Hans Hartung beschäftigen, sondern mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen über Abstraktion, École de Paris, Kunstmarkt, Atelier etc. im 20. Jahrhundert forschen.