Anzac Day

Theo Schley: Anzac Day and the Centenary of WWI

2011 präsentierte die National Commission on the Commemoration of the Anzac Centenary das Ergebnis der dreijährigen Ausarbeitung eines Programms zum „Centenary“ des Ersten Weltkriegs, das hier einzusehen ist. 

Das Centenary ist zugleich  der hundertste Jahrestag des Anzac, des Australian and New Zealand Army Corps, welches in der politisch-historischen Erinnerungskultur Australiens einen zentralen Platz als Gründungsmythos der heutigen australischen Gesellschaft und als Quelle der „national values“ einnimmt.

Dementsprechend finden beispielsweise alljährlich am Anzac-Day, dem 25. April, zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt, die besonders in den letzten Jahren von einer wachsenden Zahl von Teilnehmern besucht werden. Von daher kann es nicht überraschen, dass für die Jahre 2014-2018 ein umfangreiches Programm mit zahlreichen Veranstaltungen unterschiedlicher Reichweite geplant ist, für das die australische Bundesregierung ein Budget von 83 Mio. Dollar bereitstellt.

Der Erste Weltkrieg als nationaler Gründungsmythos …

Der erste Weltkrieg hat für das australische Selbstverständnis eine vergleichbare Bedeutung wie für die französische V. Republik: Es wurzelt im Ersten Weltkrieg – der moderne australische Gründungsmythos fußt auf dem Engagement des Anzac in Gallipoli und an der Westfront. Seine zwei Kernpunkte sind eng mit dem Anzac verbunden: Erstens – der offiziellen Lesart zufolge – trat hier Australien zum ersten Mal als geschlossene Nation und souveräner Faktor auf – und zwar von Anfang an an der Seite Neuseelands. Damit verbunden ist zweitens der „Anzac spirit“, die Gesamtheit der „national values“ Australiens, die sozusagen im Treibhaus des Krieges entstanden und für die australische Gesellschaft ein „ideal to strive for“ bilden. Das Erlebnis einer gesamtaustralischen Leidensgemeinschaft im Krieg trug  zur nationalen Integration bei. Im Centenary 2014-18 soll dieser Gründungsmythos beschworen werden. In dem vielseitigen Programm werden daher alle nationalen Akteure mobilisiert. Vor allem auf Bildungs- und Forschungsprogramme an Schulen und Universitäten wird ein Schwerpunkt gelegt. Ziel dabei ist es, nicht nur die Geschichte des Anzac und des Ersten Weltkriegs, sondern auch australische und Weltgeschichte zu thematisieren, im Sinne einer der Hauptaussagen des Reports: „It is antizipated that this will help australians understand who we are as a nation.“1 Das Programm sieht in diesem Sinne die Mobilisierung aller Bereiche des öffentlichen Lebens vor: Im Report findet sich ein breites Angebot nationaler geschichtspolitischer Symbole und Initiativen, die die Bevölkerung zur Teilnahme aufrufen – auf lokaler Ebene von der Benennung von Plätzen und Straßen nach Kriegshelden, kulturellen Veranstaltungen wie Tanz- und Theateraufführungen oder dem Prägen von Münzen bis hin zu Projekten auf bundesstaatlicher Ebene wie dem Renovieren und Zusammenstellen von Museen und Ausstellungen, Re-enactments und der besonderen Würdigung und Akzentuierung von „commemorative dates“ wie dem 4. August 2014 (Beginn des Krieges), 25. April 2015, dem Nationalfeiertag und Anzac-Day, dem Jahrestag der Gallipoli-Landung und dem 25. April 2018, Jahrestag der Schlacht von Villers-Bretonneux. Eine Spezifität der australischen Planung ist es, im Vorfeld die Bevölkerung weitestmöglich einzubeziehen. Durch einen veritablen “Call for Submissions” wurden bereits im Jahr 2010 die Australier aufgefordert, ihre Ideen zu den Gedenkfeierlichkeitend des Centenary einzusenden. Dass tatsächlich 1500 Vorschläge in 600 Einsendungen eingingen, zeigt, dass dieses Angebot auf reges Interesse stieß.

Nicht zu Unrecht nennt der Rapport Zimet das australische Programm ein „ambitieux document“ und würdigt die Australischen Vorbereitungen ausdrücklich als am weitesten gediehen.

… und internationales Integrationsangebot

Die geografische Lage der für Australien relevanten Gedenkorte (Gallipoli, Nordfrankreich) bettet die australischen Initiativen zwangsläufig in die europa- beziehungsweise weltweit geplanten Gedenkfeierlichkeiten ein. Schon in den ersten Vorbereitungsphasen fanden daher internationale Treffen zwischen Botschaftern und Wissenschaftlern statt, um die Gedenkinitiativen international zu koordinieren. Es sind zahlreiche Forschungsprojekte und Kooperationen geplant.

Obwohl das Gedenken an einen Weltkrieg kaum in einem nationalen Rahmen bleiben kann und eigentlich jedes bisher vorgestellte Programm großen Wert auf Internationalität und Vernetzung legt, gibt es eine „mémoire partagée“ der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts nur bedingt – wie besonders am Beispiel Frankreich-Deutschland deutlich wird, die dem Ersten Weltkrieg eine sehr unterschiedliche Bedeutung beimessen. Auch Australien richtet seine Identifikations- und Integrationsangebote viel eher nach innen, auf die eigene Nation und ihren Platz in der Welt.

Trotzdem ist das Anzac-Centenary-Programm auch als internationales Integrationsangebot zu lesen, denn es legt – wenn auch vordergründig mit Blick auf das eigene Land – einen starken Fokus auf die Leidensgemeinschaft der Opfer und die aus dem Krieg zu ziehenden pazifistischen Lehren. In diesem Punkt gibt es einen weitgehenden Konsens, der den Weg zu gemeinsamen Gedenkinitiativen öffnen kann. Dem scheinen kaum Schranken zu stehen, verzichten doch alle Staaten auf die Thematisierung politisch sensibler Bereiche wie etwa der Kriegsschuldfrage. Außerdem kann aus einem der Kernelemente des Anzac-Mythos – die Schicksalsgemeinschaft mit einem anderen Land, Neuseeland – eine internationale Perspektive abgeleitet werden.

Es wird interessant sein zu sehen, welche Teile des Programms umgesetzt werden und wie beziehungsweise ob durch den fortschreitenden internationalen Austausch die in nationalen Narrativen wurzelnden Denkinitiativen modifiziert werden.

[1] Australian Government Department of Veterans’ Affairs (Hg.): How Australia may commemorate the Anzac Centenary. The National Commission on the Commemoration of the Anzac Centenary, 2011, vii.