Occupation, Statehood and Political Movements

Occupation, Statehood and Political Movements in Poland and the Baltics during the First World War (1915 – 1918)

GHI Warschau

Bearbeitung: Klaus Richter


In den großen Narrativen läutete der Erste Weltkrieg mit dem Zusammenbruch der multiethnischen Imperien das Zeitalter der Nationalstaaten in Ostmitteleuropa ein. Die nationalen Historiographien Polens und der baltischen Staaten setzen dabei in der Regel mit dem Zeitraum zwischen den Friedensverträgen von Best-Litowsk und Versailles ein und widmen dem Ersten Weltkrieg selbst, der als Konflikt der Imperien und nicht der Nationen in den imperialen Peripherien verstanden wird, wenig Aufmerksamkeit. Proto-staatliche Formationen in den besetzten Gebieten werden als kaum gedenkwürdige Ergebnisse der Kollaboration mit den Fremdherrschern betrachtet, finden entsprechend wenig Berücksichtigung in der Historiographie und kaum Rückbezüge in der Erinnerungskultur. Dabei muss von der Annahme ausgegangen werden, dass die verhandelten staatlichen Gebilde in den besetzten Gebieten Politikern sowie höheren Verwaltungsbeamten der ostmitteleuropäischen Staaten der Zwischenkriegszeit als Schule dienten. In dem vorgestellten Projekt soll untersucht werden, wie Staatlichkeit und deren Grundlagen verhandelt wurden, wie (begrenzte) Staatlichkeit unter Besatzungsherrschaft funktionierte, und welche Vorstellungen einer Nachkriegsordnungen (ko-)existierten.

Der Untersuchungsraum umfasst die während des Ersten Weltkrieges unter deutscher Besatzung stehenden Regionen Ostmitteleuropas, inbesondere die ehemals russischen Teile Polens und Litauens sowie Kurland (besetzt 1915), und die 1917 besetzten Livland und Estland. Konzepte der Regierung und Militärs des Deutschen Reichs bezüglich der zukünftigen Gestaltung dieser Gebiete reichten von der Schaffung abhängiger Satellitenstaaten zu Annexionsplänen. Für das Regentschaftskönigreich Polen sowie für einen geplanten monarchistischen litauischen Staat (und für Finnland) wurde die Einsetzung deutschstämmiger Könige vorgesehen. Baltendeutsche Kräfte in Lettland und Estland hingegen betrieben offen Pläne zur vollständigen Eingliederung der Gebiete ins Deutsche Reich. In allen Fällen (jedoch in verschiedenem Maße) wurden die Vertreter der Eliten vor Ort in die Planungen mit einbezogen und für Ämter vorgesehen. Bei diesen handelte es sich keineswegs um karrieristische Kollaborateure, die sich den Besatzern andienten, sondern um Personen, die vor dem Krieg führende Rollen in nationalistischen Kreisen inne hatten und/oder nach dem Krieg maßgeblich die Geschicke der neuen Staaten lenkten (z.B. Józef Piłsudski, Augustinas Voldemaras). In Lettland und Estland, wo besonders offen Pläne zur vollständigen Inkorporierung diskutiert wurden, hatten einheimische Politiker hingegen deutlich weniger Handlungsspielraum.

Die forschungsleitende Frage richtet sich hierbei auf die Sag- und Denkbarkeiten im Zuge der Aushandlungen (proto-)staatlicher Gebilde. Wie wurde über das Regentschaftskönigreich Polen gesprochen, wie über geplante Staaten auf dem Gebiet der späteren baltischen Staaten? Wo verlief die Grenzen zwischen Besatzung und Staatlichkeit? Diese Fragestellung beinhaltet eine starke begriffsgeschichtliche Komponente, die Konzepte wie »Autonomie«, »Unabhängigkeit«, »Nation« und »Selbstbestimmung« als höchst dynamisch versteht. Weitere Fragen beziehen sich auf den Einfluss regionaler Entwicklungen sowie des Kriegsverlaufs und internationaler Ereignisse auf diese Aushandlungen. Welchen Einfluss hatten revolutionäre und nationalistische politische Bewegungen? Wie wirkte sich die Alternative eines demokratischen Russlands auf die Kooperationsbereitschaft örtlicher Eliten mit den deutschen Besatzern aus? Hiermit verknüpft ist die Frage, welchen Sinn die ostmitteleuropäischen Bevölkerungen und ihre Eliten dem Ersten Weltkrieg gaben. Vor dem Hintergrund der Propagierung des »Selbstbestimmungsrechts der Völker« durch Lenin und Wilson während des Krieges muss auch die Rolle der Minderheiten – insbesondere der Juden – in den Aushandlungen berücksichtigt werden. Ziel ist es, die Vorstellung vom Ersten Weltkrieg als Bruch, aus dessen Asche das Zeitalter der Nationalstaaten anbrach, zu hinterfragen und Kontinuitäten aufzuzeigen.

Die Ergebnisse des Projektes sollen zudem in die englischsprachige, unter internationaler Beteiligung entstehende digitale Enzyklopädie »1914-1918 online« einfließen. Im Zusammenhang mit dem hier skizzierten Projekt sollen insbesondere Lemmata zu politischen Bewegungen und Agrarbewegungen in Ostmitteleuropa, zur Entstehung von Staaten sowie zur Historiographie des Ersten Weltkrieges entstehen. Darüber hinaus sollen die Ergebnisse für einen Überblicksartikel zur Geschichte des Baltikums während des Ersten Weltkrieges berücksichtigt werden.

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