Poland and the First World War

GHI Warschau

Bearbeitung: Piotr Szlanta

1914 brach der damals so genannte »Große Krieg« aus, zu dessen wesentlichen Schauplätzen auch die polnischen Gebiete zählten. Im Gegensatz zur breiten Historiographie über die Westfront sind die wechselhaften Ereignisse der ausgedehnten Ostfront und die weitreichenden Folgen der dortigen Kriegshandlungen und Besatzungsregime bis heute in Deutschland und Polen nicht umfassend aufgearbeitet worden. Erstaunlicherweise hat die Geschichtsschreibung hier eine ganze Reihe weißer Flecken aufzuweisen. Bisher fokussiert die Forschung zum Ersten Weltkrieg in Polen hauptsächlich rein politische und militärische Aspekte des Konflikts, der lange Zeit im Schatten des Zweiten Weltkrieges blieb. Erst in den letzten Jahren, im Zusammenhang mit dem vorstehenden 100. Jahrestag des Kriegsausbruches kann man ein wachsendes Interesse der Wissenschaftler und des breiteren Publikums an diesem Krieg beobachten.

Das praktische Ziel dieses Teilprojektes 5 ist mit einer breiten vielversprechenden, internationalen Forschungsinitiative verbunden. Das Deutsche Historische Institut Warschau beteiligt sich mit zahlreichen weiteren Partnern an dem Vorhaben, eine internationale englischsprachige Online-Enzyklopädie zum Ersten Weltkrieg »1914–1918 Online« zu erstellen. Das Konzept der Enzyklopädie sieht vor, dass zu jedem Land ein großer Überblicksartikel sowie zahlreiche Spezialartikel nach neuestem Forschungsstand konzipiert und geschrieben werden. Das Teilprojekt wurde im August 2011 begonnen und hat zum Ziel, den großen Übersichtsartikel über Polen im Ersten Weltkrieg abzufassen. Es geht dabei um eine multiperspektivische Sicht auf die polnischen Teilungsgebiete wie auch auf den dann wieder entstandenen polnischen Staat. Auch die zahlreichen Spezialartikel sollen statt der bisher häufig praktizierten regionalen Fokussierung Schwerpunkte auf inhaltlichen Fragestellungen bevorzugen.

In den Haupt – und Nebenbeiträgen sollen unter anderen folgenden Themen berücksichtigt werden: Erwartungen und Idealvorstellungen der polnischen Gesellschaft angesichts eines europäischen Krieges vor 1914; militärische, propagandistische und finanzielle Vorbereitungen der Polen im Zeitalter der wachsenden internationalen Spannungen in den Jahren 1908–1914; die Haltung der polnischen öffentlichen Meinung gegenüber dem Kriegsausbruch; der Krieg als Modernisierungsfaktor des polnischen Gesellschaft; Zwangsmigrationen; Dynamisierungen in verschiedenen Gesellschaftsklassen und Regionen, Methoden der Selbstmobilisierung und Lobbyismus für die Polnische Sache auf der internationalen Ebene, polnische Erfahrungen von Bruderkrieg und Kriegsgefangenschaft; Besatzung; Beziehungen zwischen Zivilisten und Militär; Internationalisierung der polnischen Sache während des Krieges, Wandlung der Haltung der Polen gegenüber den Teilungsmächten; Kulturelle und religiöse Antworten auf den Krieg, Radikalisierung und Demokratisierung der politischen Szene; Diskussion über die Gestalt des zukünftigen Polens; Stimmungen der Bevölkerungsschichten, die sich am Rande der bewussten nationalen Gemeinschaft befanden; Überlebensstrategien, multidimensionale nationale und soziale Spannungen; Etappen der Wiedergeburt von Polen; paramilitärische Gewalt in der Nachkriegszeit; Gefallenenkult und Gedächtniskultur; das instrumentalisierte Kriegsgedächtnis als politische Waffe 1918–1939 und nach 1945, die Debatte über den polnischen Anteil an der Kriegsschuldfrage; polnische Kriegsmythen.