Die Epoche Peters I. und seiner unmittelbaren Nachfolger steht für tiefgreifende Umbrüche und Verfassungskrisen. In der Außenpolitik bildete sie eine Schlüsselzeit in Bezug auf den Aufbau eines diplomatischen Netzwerks, wie es unter den anderen europäischen Staaten bereits bestand. Nachdem das Interesse an einer Kenntnis des Zarenreiches entsprechend seiner Bedeutungszunahme in Europa im 17. Jahrhundert erheblich gestiegen war, bildeten die zäsurartige Initialzündung für die Außenbeziehungen Peters Regierungsantritt 1689 und seine 'Große Gesandtschaft' 1697/98. Die Formel von der 'Europäisierung Russlands' wird zwar in der jüngsten Forschung hinterfragt; doch steht außer Zweifel, dass sich der russische Hof in die zwischen den europäischen Höfen existierende Öffentlichkeit integrierte. Mit diesen war er in der Innen-, Außen- und Heiratspolitik eng verflochten. In Russland konzentrierte sich das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben noch stärker am herrscherlichen Hof als in den anderen 'absoluten' Monarchien Europas. Die neu gegründete Hauptstadt St. Petersburg war die Bühne, auf der Peter I. und seine Nachfolgerinnen ihre 'Europäisierung Russlands' inszenierten. Dabei handelte es sich keineswegs um eine bloße Übernahme westlicher Vorbilder unter Befreiung von altrussischen Traditionen, sondern um eine spezifische Adaption, die mitunter gar die Form einer bewussten Parodie annehmen konnte. Nach dem Tod des Reformators Peter I. stürzte Russland in eine jahrzehntelange dynastische Krise, und in den Augen des westlichen Auslands bildete der Petersburger Hof einen Schauplatz singulärer Ereignisse.

Als Forschungs- und Vergleichsfeld eignet sich Russland um 1700 in besonderer Weise, um die am westeuropäischen Beispiel erarbeiteten Ergebnisse und Modelle der neueren Forschungen zur politischen und höfischen Kultur einzuordnen und zu erweitern. Gleichzeitig muss sich die Erforschung dieser Epoche aber auf eine begrenzte lokale schriftliche Überlieferung stützen: In der russischen Oberschicht herrschte um 1700 die mündliche Erzählung vor, so dass nur wenige schriftliche Selbstzeugnisse zum Petersburger Hof, seiner Kultur und Politik, vorliegen. Den Berichten der ausländischen Diplomaten in St. Petersburg an ihre entsendenden Höfe kommt daher als Quellen für diese wichtige Ära europäischer Geschichte eine außerordentlich große Bedeutung zu. Sie beschreiben aus ihrer Perspektive einen zentralen Ausschnitt russischer Wirklichkeit: neben der Politik den Handel, das Militär und vor allem das Leben und die Beziehungen und Intrigen am Hof.

Angesichts des besonderen wissenschaftlichen Werts dieser Gesandtenberichte sind manche Bestände bereits von den Historikern des späten Zarenreichs herausgegeben worden. Dabei handelt es sich in erster Linie um französische, britische und sächsische Quellen, weit weniger dagegen etwa um die preußischen und habsburgischen sowie diejenigen von kleineren Fürstenhöfen des Heiligen Römischen Reiches, z. B. dem dynastisch mit Russland verwandten Holstein (Literaturverzeichnis). Das Projekt des DHI Moskau setzt diese editorische Tätigkeit des 19. und 20. Jahrhunderts mit neuen Maßstäben fort: Es erweitert das Korpus der zu veröffentlichenden Quellen, berücksichtigt moderne Standards der kritischen Edition und nutzt die heutigen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung: In technischer Kooperation mit der Universität Trier (FuD) werden die umfangreichen Aktenbestände (in lateinischer, deutscher, französischer, italienischer oder russischer Sprache) aus deutschen und österreichischen Archiven in einer frei zugänglichen Datenbank auf der Plattform der Max-Weber-Stiftung (DGIA) „Perspectivia“ mit Namens-, Orts- und Sachregistern gesichert, editiert und kommentiert, damit sie der Forschung künftig zur Verfügung stehen.