Die Bürokratisierung afrikanischer Gesellschaften

Transnationale Forschungsgruppe Senegal der Max Weber Stiftung

Die Max Weber Stiftung unterstützt seit Januar 2017 die Arbeit einer neuen Transnationalen Forschungsgruppe (Transnational Research Group, TRG) in Afrika. Hervorgegangen aus einem seit 2015 bestehenden Forschungsprojekt des Deutschen Historischen Instituts (DHI) Paris beschäftigt sich die TRG „Die Bürokratisierung afrikanischer Gesellschaften” mit der Untersuchung bürokratischer Praktiken zur Zeit des Kolonialismus und der nachfolgenden postkolonialen Epoche in Afrika.

Bei diesem deutsch-französisch-senegalesischen Gemeinschaftsprojekt handelt es sich um eine Kooperation zwischen dem DHI Paris, dem Centre de recherches sur les politiques sociales (CREPOS) und der Universität Cheikh Anta Diop (UCAD) in Dakar. Darüber hinaus bestehen Partnerschaften mit

  • dem Forum für Transregionale Studien in Berlin,
  • dem Programm Point Sud,
  • der Humboldt-Universität zu Berlin,
  • der Universität Mohammed VI in Rabat sowie
  • dem Centre de recherches internationales in Paris (Sciences Po).

Sitz der Transnationalen Forschungsgruppe ist die senegalesische Hauptstadt Dakar, einer der wichtigsten Wissenschaftsstandorte in Afrika. Ein Leitungsgremium, bestehend aus Vertretern der zuvor genannten Partnerinstitutionen, berät die TRG in strategischen Fragen und Vorhaben.

Im Fokus der Arbeit steht die Erforschung der Entstehung, Ausformung und Institutionalisierung bürokratischer Praktiken in Afrika, wie sie in der Kolonialzeit aufgekommen sind und bis heute Anwendung finden. Die Anfänge der Bürokratie als gesellschaftliche Organisationsform lassen sich gut fünfhundert Jahre zurückverfolgen. Im Zuge der europäischen Expansion wurde sie durch eine nahezu globale Ausbreitung zu einem prägenden Element der Neuzeit respektive der Moderne. Wie aber genau drückt sich die Bürokratie, die wir oftmals als allgegenwärtig wahrnehmen, konkret als Herrschaftsform aus? Jedes Gemeinwesen, in dem Hierarchien und rationale Normen, aber auch eine allgemeine Professionalisierung, eine herausgehobene Rolle spielen, kann als funktionierende Bürokratie angesehen werden. Darüber hinaus ist diese spezifische Herrschaftsform dadurch charakterisiert, dass eine „Verwaltungselite“ für den Staatsapparat ausgebildet wird.

Die Transnationale Forschungsgruppe betrachtet sowohl die lokalen, nationalen und transnationalen Ebenen, auf denen sich die Bürokratie abspielt, als auch die verschiedenen Sphären innerhalb dieser Ebenen. Bürokratische Praktiken können „von oben“ und „von unten“ ausgehend in einer Gesellschaft erfahren werden. In diesem Zusammenhang handelt es sich beispielsweise beim Staat selbst und seinen Verwaltungseinrichtungen um Institutionen, die einer Herrschaft „von oben“ entsprechen. Demgegenüber bilden Vereine, Kirchen, Nichtregierungsorganisationen und auch der Handel die bürokratische Sphäre „von unten“. Dazwischen befinden sich Akteure einer „Mitte“, denen die Aufgabe zukommt, eine Vermittlerfunktion als Mediatoren und Übersetzer<s> </s>zwischen den beiden Polen zu erfüllen. Wichtige Elemente innerhalb dieses Procederes sind Zahlen, Papiere, Ordnungssysteme und Stempel, aber auch die Orte der Produktion von bürokratischen Prozessen, allen voran das Büro sowie die Wege des Schriftverkehrs. Die Beziehungen und Verflechtungen bürokratischer Prozesse sollen herausgearbeitet und geordnet werden, um die diametrale Stellung der Strukturen zu überwinden.

Die Etablierung der Bürokratie stärkte die soziopolitische Kontrolle und die die Herausbildung der Nationalstaaten in Europa. Dieses Instrumentarium übertrugen die ehemaligen Kolonialmächte auf Afrika. Eng mit diesem Prozess verbunden ist die Formierung eines bürger(schaft)lichen Bewusstseins und somit auch einer eigenen Identität. Es handelte sich um einen tiefen Eingriff in die bestehenden afrikanischen Gesellschaftsstrukturen mit dem Ziel, eine Herrschaft zu errichten, die Kontrolle über Kollektive und kleinere Gemeinschaften ausüben konnte. Das Individuum nahm in diesem Zuge nur eine untergeordnete Rolle ein, sodass der Einzelne häufig ein eher unsichtbarer Untertan blieb. Insbesondere die Verschränkung von vorkolonialen Verfahren und Lebensweisen mit den von außen herangetragenen Prinzipien der Bürokratie und Bürokratisierung stehen dabei im Interesse der Forschenden.

Um das Phänomen der Bürokratie auf dem afrikanischen Kontinent in seiner Gesamtheit zu erfassen, zugleich aber auch die regionale Differenzierung und die Bedeutsamkeit lokaler Akteure zu berücksichtigen, betrachten die in der Forschungsgruppe vereinten Projekte sowohl unterschiedliche Zeiträume (19. – 21. Jahrhundert) als auch diverse Regionen bzw. Länder Afrikas (u. a. Senegal, Mali, Marokko, Tschad, Elfenbeinküste, Kongo). Das Projekt ist in vier einzelne Forschungsachsen aufgeteilt, die sich folgenden Themenschwerpunkten widmen:

  • Achse 1: Identität, Identifizierung und Bürokratisierung im subsaharischen Afrika (19. – 21. Jh.)
  • Achse 2: Die Bürokratisierung des Politischen
  • Achse 3: Die Bürokratisierung der Wirtschaft
  • Achse 4: Die Bürokratisierung des Sozialen und Religiösen

Das Förderformat der Transnationalen Forschungsgruppen der MWS wurde im Jahr 2012 beschlossen. Ziel des Formats ist es, grenzüberschreitende geisteswissenschaftliche Netzwerke zu schaffen, vor allem mit Regionen, in denen Deutschland bisher institutionell wenig präsent war. Darüber hinaus sollen die Transnationalen Forschungsgruppen zur Entwicklung von nachhaltigen Forschungsinfrastrukturen auch über das Ende des Projektzeitraums hinaus beitragen. Hierfür erhält ein Institut der Max Weber Stiftung eine finanzielle Unterstützung von 500.000 Euro pro Jahr für eine Dauer von bis zu fünf Jahren.

Die erste Transnationale Forschungsgruppe der MWS zum Thema „Poverty Reduction and Policy for the Poor between State and Private Actors: Education Policy in India since the Nineteenth Century” wurde 2013 vom DHI London in Neu-Delhi eingerichtet.