Arbeit, politische Propaganda und der Einfluss der russischen Revolution

Arbeit, politische Propaganda und der Einfluss der russischen Revolution auf Ostmitteleuropa während des Ersten Weltkriegs (1914-1918)

DHI Warschau

Bearbeitung: Paweł Brudek

Der Erste Weltkrieg ist noch immer ein faszinierendes und bezüglich Polen weitgehend unbekanntes Thema. Obwohl schon fast 100 Jahre seit dem Ausbruch des Krieges vergangen sind, ist der Konflikt der Jahre 1914-1918 im östlichen Europa noch nicht gründlich erforscht. Überdies wurde die Historiographie der einzelnen Länder der Region nur sporadisch ins Englisch übersetzt. Vor 1914 konstituierte sich das östliche Europa als eine Peripherie dreier dominierender Imperien. Die klaren Grenzen, die sich sehr einfach auf der Karte skizzieren ließen, verdeckten jedoch ein höchst kompliziertes Universum vermischter Nationen, Kulturen und politischer Organisationen. Der Erste Weltkrieg zerstörte diese ganze Ordnung, die auf drei Säulen – den  drei Hauptstädten Berlin, Wien und St. Petersburg – geruht hatte. Der Krieg in dieser Region kündigte typische Phänomene des 20. Jahrhundert an: tiefgreifende Revolutionen auf politischer, sozialer und kultureller Ebene.
Nie vorher gab es eine Möglichkeit, eine so umfangreiche Datensammlung zu schaffen, die jedem (professionellen Historikern wie auch Laien) die Chance bietet, sich mit der längst vergangenen, aber aus der Perspektive der ostmitteleuropäischen Länder immer noch aktuellen Geschichte zu beschäftigen. Das wird dank eines internationalen Projekts – der Online-Enzyklopädie »1914-1918 online« - ermöglicht. Dieses Projekt ist ein Versuch, die östlichen und die westlichen Narrationen über den Konflikt in Verbindung zu setzen. Die im Rahmen dieses Projekt durchgeführten Forschungen konzentrieren sich auf die Darstellung des vom Krieg verursachten sozialen Wandels in Ostmitteleuropa und der nordwestlichen Peripherie des Zarenreiches (d.h. in Polen, Litauen, Lettland, Estland und Finnland) in den Jahren 1914-1918 und in den Anschlussjahren.

Die von mir zu bearbeitenden, monographischen Fachartikel in der Enzyklopädie betreffen u.a. den Einfluss der Revolution von 1905 in dieser Region und eine Radikalisierung der Arbeiter sowie Streiks seit dem Generalstreik in Reval/Tallin (1915) bis zu den Streiks in Oberschlesien am Vorabend des zweiten schlesischen Aufstands (1920). Hauptziel meines Projekts ist eine Darstellung des politischen Wandels,  der die radikale Umformung der Gesellschaft verursachte, der neuen Formen politischer Partizipation der Massen sowie des Moments der Entstehung der mächtigen bolschewistischen Revolution und die Reaktionen auf sie (von unkritischer Akzeptanz bis zur hartnäckigen Bekämpfung).

Der Wandel erfolgte zu rasch und mündete daher in innenpolitische Kämpfe, die nicht nur politischen Charakter trugen, sondern sich zu blutigen Bürgerkriegen entwickelten. Den heftigsten, mit der Russischen Revolution vergleichbaren Verlauf zeigte der innenpolitische Konflikt in Finnland. Die Welt stellte sich nun ungleich komplizierter dar. Klassenkonflikte sowie Kämpfe der Arbeiterklasse um ihre Rechte verbanden sich mit ethnischen Konflikten,  wie in Oberschlesien, wo sich die besitzende Klasse von der Arbeiterklasse durch ihre Nationalität unterschied.

Während des Ersten Weltkriegs dehnte sich die Propaganda auf die  Massen aus, indem sie sich der dominierenden Presse bediente. Ein gesonderter Artikel  wird sich mit Kriegsjournalismus und der Situation der regionalen nationalen Presse im Kontext der dominierenden Propaganda und Zensur befassen, sowie mit den zunehmenden Versorgungsschwierigkeiten. Während des Krieges entstanden auch verschiedene politische Mythen, die Einfluss auf das  gesellschaftliches Bewusstsein (sowohl das aktuelle als auch das historische im 20. Jahrhundert) hatten. Forschungsgegenstand werden deswegen auch die polnischen, politischen Mythen sein, die sich auf Józef Piłsudski und seine Legionen konzentrierten und in dieser Weise ein eindimensionales Bild der polnischen Unabhängigkeitskämpfe im polnischen Bewusstsein schufen. Der komplizierte Prozess des eigenen Staatsaufbaus in den Jahren 1914-1918 wurde somit in der Erinnerung weit vereinfacht, oft nicht ganz im Einklang mit den historischen Realitäten und unter Ausblendung vieler wichtiger Akteure .
Mit dieser Frage ist die der Kriegspropaganda in Ostmitteleuropa eng verbunden. Wie wurden die Ziele des Krieges den Gesellschaften durch die russischen, österreich-ungarischen und deutschen Propagandaapparate erläutert? Nach dem Zusammenbruch der Imperien mussten die neuen Nationalstaaten wiederum ihren Gesellschaften erklären, was der Erste Weltkrieg war. In dieser Hinsicht stellte Polen keine Ausnahme dar. Auch Fragen nach den polnischen Debatten über den Krieg, den Umbau der Erinnerungskultur, sowie den Feiern der Kriegsjubiläen werde ich im Rahmen des Projektes der Enzyklopädie »1914-1918 online« untersuchen.

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