Okkupation und Ökonomie 1914–1945

DHI Warschau

Bearbeiter: Stephan Lehnstaedt

Hauptprojekt: Besatzungswirtschaft in Polen im Ersten und Zweiten Weltkrieg

Die Wirtschaft im besetzten Polen des Zweiten Weltkriegs stellt ein weitgehend vernachlässigtes Thema dar. Dies gilt gleichermaßen für den gesamten Ersten Weltkrieg in Osteuropa, der in Wissenschaft und öffentlicher Wahrnehmung weitgehend ignoriert wird. Das Forschungsprojekt will in beiden Bereichen einen Beitrag leisten und zudem die Ökonomie der Okkupation in den Kontext des Kriegsgeschehens einordnen.

Die geplante Studie wird am Beispiel des besetzten polnischen Gebiets die Wirtschafts- und Ausbeutungspolitik im Ersten und Zweiten Weltkrieg vergleichen. Dabei werden die unterschiedlichen Okkupationsregime etwa im Generalgouvernement oder Warthegau 1939–1945 ebenso in den Blick genommen, wie die das deutsche Generalgouvernement Warschau und das österreichische Militärgouvernement Lublin im Ersten Weltkrieg. Der Vergleich soll die lokalen und übergreifenden Interessen der Besatzer und zugleich politische, ideologische und personelle Brüche bzw. Kontinuitäten aufzeigen. Ein spezielles Augenmerk gilt dabei der Durchsetzung der wirtschaftlichen Ziele, also gewissermaßen dem »Erfolg« der Maßnahmen der verschiedenen Okkupationsregime. Folgende ineinander übergehende Fragekomplexe werden untersucht:

1. Die Rationalität von Herrschaftssystemen zwischen Repression und Nutzbarmachung aller Ressourcen. Beispielhaft hierfür steht die Frage nach Arbeitskräften, bei der hier weniger die Verschickung von Menschen nach Westen interessiert, als vielmehr die Kompensation dieses Arbeitskraftverlusts vor Ort. Die wichtigste Folge der Deportationen war für die Besatzer vor Ort die Reduzierung der polnischen Güter- und Lebensmittelproduktion, die durch die Indienstnahme von Juden als Arbeitkräfte zumindest teilweise kompensiert werden sollte. Die Interessenlage der Okkupanten zwischen Arbeitsmotivation und Beschäftigung einerseits sowie Zwang, Verschleppung und Judenmord andererseits, harrt in weiten Teilen noch ihrer Erforschung. Sie gibt exemplarisch Hinweise auf die Dichotomie von Ideologie und Wirtschaftslenkung, die angesichts eines rassistischen Fremdbildes bereits im Ersten Weltkrieg zu beobachten war. Polen war trotz des Abzugs von Personal, Geld und Rohstoffen dennoch ein relevanter Produktionsstandort für Deutschland (und Österreich). Auch anhand von Einzelbeispielen soll gezeigt werden, wie polnische Betriebe unter alter oder neuer Leitung Bedarfs- und Rüstungsgüter für die Besatzer produzierten, oder allgemein: Wie die Wirtschaft für die Kriegsbedürfnisse umstrukturiert wurde. Es ist danach zu fragen, ob diese Versuche auf Mikroebene exemplarisch für ein Bestreben stehen, auch gesamtwirtschaftlich einen maximalen Effekt zu erreichen.

2. Der Beitrag Polens für Finanzen und Konsum der Besatzer. Neben Rüstungsgütern und Zwangsarbeitern waren die Besatzer stets an einem direkten materiellen Gewinn aus dem Lande interessiert. Während die Beraubung der Juden während des Holocaust als relativ gut erforscht gelten kann, lässt sich dies für die polnische Bevölkerung oder die Zeit des Ersten Weltkriegs nicht sagen. Abgesehen von der individuellen Ausplünderung wurde unlängst die makroökonomische Finanzierung der deutschen Kriegswirtschaft bzw. des Privatkonsums durch die besetzten Länder im Zweiten Weltkrieg diskutiert. Eine detaillierte und tragfähige Untersuchung dieses Komplexes steht indes noch aus: Der Beitrag Polens für die Finanzen der Besatzer, aber auch in Form von Rohstoffen für die Produktion in der Heimat und von Nahrungsmitteln zur Versorgung der Bevölkerung, ist bislang nur in Grundzügen bekannt. Gemeinsam mit dem Arbeitseinsatz hatte diese Politik die direktesten Auswirkungen auf den Einzelnen. In dieser Hinsicht wird auch der (Stellen-)Wert des Individuums in der totalen Kriegswirtschaft beleuchtet.

3. Kontinuitäten und Brüche von Besatzungspolitik 1914–1945. Die deutschen Besatzungskonzeptionen waren teilweise bereits im Ersten Weltkrieg von großer Brutalität geprägt. Nicht nur die Umsetzung dieser Pläne im Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg zeigt Grundlinien deutscher Polenpolitik, auch die personellen Kontinuitäten sowie die schlichte Fortschreibung und Weiterentwicklung von Ideen deuten darauf hin. Die Dimension dieser Transfers, die in Teilen auch einen Lern- und Radikalisierungsprozess darstellten, ist weitgehend unerforscht. Das gilt insbesondere für die Perzeption des österreichischen Bündnispartners, dessen Politik auch vor dem Hintergrund des k.u.k.-Vielvölkerreichs gesehen werden muss.