Call for Papers: Emergenz. Vom Ort zum Raum der Bilder und der französischen Kunst vom 17. bis 19. Jahrhundert (DFK Paris)

Bewerbungsschluss: 30. Juni 2022

Internationales Kolloquium
9-10 Dezember 2022, Deutsches Forum für Kunstgeschichte Paris
45, Rue des Petits Champs, Hôtel Lully - 75001 PARIS
Konzeption: Markus A. Castor, Julia Kloss-Weber & Valérie Kobi

 

EMERGENZ
VOM ORT ZUM RAUM DER BILDER IN DER FRANZÖSISCHEN KUNST VOM 17. BIS 19. JAHRHUNDERT

Die Frage nach der Emergenz bildlicher Ausdrucksformen lässt sich auch als Frage nach dem Ort, oder vielleicht besser noch: dem Raum der Bilder fassen. Schon der klassische rezeptionsästhetische Ansatz geht davon aus, dass Bilder konstitutiv auf ein betrachtendes Subjekt zugeschnitten sind und sich diese Bezogenheit auf einen Rezipienten maßgeblich in den innerbildlichen Strukturen selbst niederschlägt bzw. diesen bereits konzeptionell zugrunde liegt. Solcherart Bilddispositionen werden nur in der Berücksichtigung der innerbildlichen Raumkonfigurationen in ihrem Verhältnis zum Raum der Anbringung und dessen Qualitäten, der Aus-Stellung oder Hängung nachvollziehbar, also in der Erfahrung der Verschränkung von Bildraum, Betrachterraum und Rezipient.
Gernot Böhme kreiste diesen basalen Bezug zwischen dem materialen Objekt und den Betrachtern in seiner ästhetischen Theorie des Atmosphärischen weiter ein, indem er Atmosphären als dieses Relatum selbst definierte, und unsere Aufmerksamkeit auf die wechselseitige Zurichtung dieser beiden Komponenten, der Verkörperung einerseits und dessen Erscheinen in der Wahrnehmung andererseits, lenkte (Böhme 2001, S. 54). Rezente Positionen haben das hier als Relation Beschriebene als Zwischenraum des Ästhetischen weiter thematisiert (Breitenwischer 2018). So kann in Verlängerung der Debatten über Bildakte von einer Realisierung des Bildlichen in einem ästhetischen Dazwischen gesprochen werden, das selbst erst in der Performanz des Rezeptionsprozesses hervorgebracht wird und im Rahmen dessen sich Bilder und ihre Betrachter gegenseitig vorwegnehmen und dialektisch als solche konstituieren. Schon lange bevor diese Aspekte zum Gegenstand theoretischer Reflexion geworden sind, haben Malerinnen und Maler das Außer-Sich-Sein der Bilder und ihr Ausgreifen in ein ästhetisches Dazwischen in den Bildern selbst verhandelt und zu einem wichtigen Bestandteil, manchmal sogar zum Thema ihrer Darstellungen gemacht. Damit stellt sich die Frage, mit welchen Mitteln diese ästhetische Zwischenräumlichkeit in den Bildern selbst reflektiert wird, inwiefern und wie sie sowohl auf der Ebene ihrer räumlichen Ordnungen als auch ihrer zeitlichen Strukturen greifbar ist, und wie sich dabei autogene und exogene Faktoren zueinander verhalten und interagieren.
Die Untersuchung der Spielarten bildlicher Emergenz führt auch unvermeidlich zum Phänomen einer intrinsischen Verwobenheit der Bilder mit ihren (im engeren Sinne) außerbildlichen Bezugsräumen und ihren erweiterten ästhetischen, kulturellen, sozialen oder auch politischen Kontexten. Kirchenräume, Galerien und Privatsammlungen, Ateliers, Salons und ephemere Bildpräsentationen einerseits, sowie das Betrachterverhalten andererseits bedingen jeweils verschiedene raumzeitliche Rahmungen der hier verhandelten Interdependenzen. So impliziert das Bezogen-Sein auf einen spezifischen Umraum mithin eine gegenseitige Modellierung von Bild, Architektur und Interieur, welche bis zu einer medialen Grenzauflösung führen kann. Oft sind Bilder Teil mehrgliedriger Objektarrangements, die sich in medialer Interaktion entfalten, oder sie sind wesenhaft an (beispielsweise liturgische) Praktiken gebunden, sodass sich ihr eigentlicher Bildsinn erst in der Performanz eines Handlungs- oder Aufführungsaktes erfüllt. Diese Bezugsmomente bleiben den Bildern nicht äußerlich, sondern durchformen sie so grundlegend, dass sich der Ort des Bildlichen selbst auf signifikante Weise verschiebt. Gleichsam führt die Eigenheit der Bilder, zu emergieren und sich performativ in einem solchen Dazwischen zu verwirklichen, auch dazu, dass verschiedenste sinnliche Milieus mit dem ikonisch-visuellen Bestand diffundieren und sich derart synästhetische Wahrnehmungsdimensionen in die Darstellungen einspeisen können. Rezente Forschungen haben sich zwar dem Aspekt der Immersion zugewandt, wie er in der Kunstliteratur des 18. Jahrhunderts greifbar wird (siehe u.a. Weisenseel 2017), die Frage nach der Emergenz von Bildern ist hingegen kaum untersucht und theoretisiert worden – Emmanuel Alloa hat mit seinen philosophischen Reflexionen über „emersive Bilder“ jüngst einen ersten Vorstoß in diese Richtung unternommen (Alloa 2021). In diesem Zusammenhang wäre auch zu fragen, ob und inwiefern die mit den Begriffen ‚Immersion‘ und ‚Emergenz‘ gefassten Phänomene nicht grundsätzlich als komplementäre zu begreifen sind. Ferner kann an Studien zum Trompe-l’oeil angeknüpft werden (für erste Versuche in diesem Bereich s. Fürst 2017), auch wenn es im hier entworfenen Projekt nicht allein und vorrangig um Effekte der Augentäuschung geht, sondern um Formen der Bildräumlichkeit, die in weiteren bildtheoretischen, bildgeschichtlichen und rezeptionsästhetischen Kontexten zu situieren sind.

Die geplante Tagung verfolgt zwei methodische Achsen:

  • Einerseits sollen kunstgeschichtliche Fallstudien dazu dienen, den Status der Bilder selbst zu problematisieren und die ihren Funktionsweisen zugrunde liegenden Modalitäten zu beleuchten. Hierbei wird auch die Agentialität der Bilder im Zusammenhang der sie beherbergenden Räume zentrales Thema sein.
  • Andererseits soll historisches Quellenmaterial herangezogen werden, um über die Emergenz von Bildern nachzudenken und insbesondere die jeweils zeitgenössische Reflexion darauf nachzuvollziehen. Hier wollen wir uns vor allem auf die Rolle des Betrachters und dessen Beziehung zum Kunstwerk konzentrieren. Mit dem Fortschreiten kunsttheoretischer Reflexionsarbeit, die sich in Texten und einem öffentlichen Diskurs niederschlug, ist die Frühe Neuzeit in Frankreich prädestiniert, die Vielfalt der mit dem Thema verbunden Aspekte einzuholen. Auch ergeben sich zahlreiche interdisziplinäre Fragestellungen etwa mit Blick auf Rhetorik und Theatertheorien, die sich wesentlich über die emersiven Phänomene des Rezeptionsaktes modulieren.

Anvisierter Untersuchungszeitraum ist das 17. und 18. Jahrhundert. Beiträge, die neue theoretische Positionen entwickeln, sind besonders willkommen. Es werden auch Vorträge akzeptiert, die sich mit dem 19. Jahrhundert befassen, sofern die jeweiligen Themen in Zusammenhang mit Praktiken oder Diskursen aus früheren Jahrhunderten stehen.

Einzelvorträge sind zeitlich auf 30 Minuten, Tandemvorträge auf 40 Minuten begrenzt. Abstracts (ca. 300 Wörter) können auf den Tagungssprachen Deutsch, Französisch und Englisch eingereicht werden und sind mit einem Short-CV in einem PDF an folgende drei E-Mail-Adressen zu senden: Julia Kloss Weber (julia.kloss-weber[at]uni-hamburg.de), Valérie Kobi (valerie.kobi@unine.ch) und Markus A. Castor (mcastor[at]dfk-paris.org). Deadline für Bewerbungen: 30.06.2022. Die Antworten werden im Laufe des Juli 2022 verschickt