Ausschreibung: Internationaler Studienkurs. Pariser Weltausstellungen – (Re-)Produktionen von Kunst und Mode (DFK Paris)

Bewerbungsschluss: 31. Oktober 2019

Organisiert vom  Deutschen Forum für Kunstgeschichte (DFK Paris) in Kooperation mit der Technischen Universität Darmstadt

Insgesamt fünf Weltausstellungen fanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Paris statt. Mit der Präsentation der Industrie wurde die Aufmerksamkeit auch auf Produkte der Kunst und Mode gelenkt, die in enger Verbindung mit seriellen Herstellungsverfahren standen. Durch Ausstellung technischer Neuerungen im Bereich der Reproduktionen, wie die Fotografie, Drucktechniken, Konfektionswaren, Webtechniken etc., wurden zentrale Prozesse der Kommerzialisierung von Kunst und Mode in Gang gesetzt. Auf der Weltausstellung 1855 in Paris etwa war im Palais de l'Industrie die Textil- und Bekleidungsindustrie prominent neben industriellen Produkten und technischem Instrumentarium als eigener großer Bereich vertreten. Dort wurden nicht nur die neuesten Webmaschinen präsentiert, sondern auch die erste Nähmaschine von Singer, die ein Bindeglied zwischen Heimarbeit und der industriellen Massenproduktion von Textilien, zwischen Handarbeit und der Automatisierung von Arbeit darstellt. Der Pariser Bekleidungshersteller Opigez-Gagelin & Cie stellte auf der gleichen Weltausstellung erstmals Schnittmuster vor, die modèles reproducteurs genannt wurden, und gewann darüber hinaus die Grand Prix-Medaille für seine neuartigen und in Frankreich einzigartigen ready-to-wear dresses (Prêt-à-porter-Mode). Solche nun auch für bürgerliche Schichten erschwingliche Mode wurde wiederum auf den Weltausstellungen von Frauen vorgeführt, die als Konsumentinnen von Mode einen wichtigen Part einnahmen – und zum bevorzugten Sujet der Impressionisten wurden. Diese etablierten modisch gekleidete Frauen und Männer als kunstwürdige Motive und kombinierten sie mit den neuartigen Eisenarchitekturen der Weltausstellungen, den Pariser Boulevards und, etwas später, der ebenso im Kontext der Weltausstellung 1900 eröffneten Métro, deren Stationseingänge den Art Nouveau-Stil prominent vorführten. Auch rezipierten die Impressionisten leidenschaftlich die Mode-Debatten, die in den drucktechnischen Medien, wie beispielsweise L’Art et la Mode oder La Vie Parisienne geführt wurden, und adaptierten die hier vorgeführten Mode-Entwürfe teilweise direkt für ihre Gemälde. Der Impressionismus und populäre Zeitschriften haben so einen nicht geringen Anteil daran, Paris als Stadt der Mode ebenso wie der Kunst zu etablieren.

In den großen Pariser Warenhäusern, die sich zeitgleich mit den Weltausstellungen etablierten, konnte nicht nur die modische Konfektionskleidung gekauft werden, sondern auch Kunstreproduktionen von Gemälden und Skulpturen in unterschiedlichen Formaten erworben werden. Fragen zur Ästhetik des Materials sowie nach dem Surrogat und dem Verhältnis von Unikat und Kopie wurden im Kontext der Weltausstellungen debattiert und das Kunstobjekt als Industrieprodukt gefeiert wie kritisiert. Eine große Anzahl der auf den Weltausstellungen gezeigten Objekte und Kunstwerke wanderte in die neu gegründeten Museen. Zudem gelangten auch Ethnografika von den Weltausstellungen in die sogenannten Kolonial- und Völkerkunde-Museen. So wurde der Palais de Trocadéro für die Pariser Weltausstellung 1878 erbaut, in dessen Sälen danach ein ethnografisches Museum Platz fand, dessen Sammlungen den Grundstock des Musée de l’Homme bildeten.

Auf den Weltausstellungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde über die enzyklopädischdidaktische Akkumulation von Dingen und Objekten aus den technischen, maschinellen, kunsthandwerklichen, bildkünstlerischen, darstellerischen und ethnographischen Bereichen ein synthetisches Wissen über die Welt generiert, das an Artefakten aus aller Welt sichtbar und erfahrbar gemacht wurde. Die im verkleinerten Maßstab reproduzierten Behausungen, Dörfer und Straßen der ‚Provinz‘ oder der (kolonialen) ‚Fremde‘ bildeten die Kulisse für die Aufführung des ‚Spektakels des Anderen‘ (Stuart Hall), das kontrastreich folkloristisch in Szene gesetzt wurde und von Künstlern auf der Suche nach einer ‚modernen‘ Formensprache rezipiert wurde. Die gezeigten Trachten können als regionale und koloniale Gegenbilder gelesen werden, die die ‚Modernität‘ der Metropole Paris akzentuierten.

Auf dem Studientag soll diskutiert werden, inwiefern die Pariser Weltausstellungen als Schnittstellen von Kunst und serieller Produktion verstanden werden können und inwiefern Kunst und Mode auf den Weltausstellungen zur Produktion von Paris als Mode- und Kunststadt beigetragen haben. Fragen insbesondere der kolonialen Verflechtungen, die in der Mode und Textilproduktion deutlich werden, sollen in den Blick genommen werden. Dabei sollen auch das Verhältnis von Modernität und Massenkultur, Wechselwirkungen zwischen Alltagsobjekt und Kunstproduktion sowie Strategien der Ausstellung und Musealisierung reflektiert werden.

Wir erbitten Vortragsvorschläge, die die verschiedenen Bereiche von Kunst, Kunstgewerbe, Mode und Technik verbinden. Wir freuen uns auf die Einsendung kurzer Exposés (max. 500 Wörter) für einen zwanzigminütigen Vortrag auf Englisch und einen kurzen Lebenslauf (max. 1000 Zeichen) bis zum 31. Oktober 2019 an: oesterreich(at)mode.tu-darmstadt.de

Konzeption und Leitung:
Dr. Buket Altinoba, Universität Regensburg,
Prof. Dr. Alexandra Karentzos, TU Darmstadt,
Prof. Dr. Thomas Kirchner, DFK Paris,
Dr. Miriam Oesterreich, TU Darmstadt

Ort: Deutsches Forum für Kunstgeschichte Paris Hôtel Lully 45, rue des Petits Champs F-75001 Paris