Call for Papers: Space in Holocaust Research

Bewerbungsschluss: 31. Juli 2019

„Space in Holocaust Research“ ist die erste Konferenz in Deutschland, die „Raum“ als zentrale Kategorie der Holocaustforschung theoretisch und methodisch in den Blick nimmt. Ziel der Tagung ist es, einen Beitrag zur Etablierung einer interdisziplinären Holocaust-forschung zu leisten. Die viertägige internationale Konferenz findet als Kooperation zwischen dem Deutschen Historischen Institut Warschau und dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg statt. Das Programm umfasst Referate, themenbezogene Stadtrundgänge, eine literarische Lesung und eine Exkursion zur Gedenkstätte Sandbostel. Tagungsort ist Hamburg, Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.

Die Konferenz verbindet inter- und transdisziplinäre Diskussionen um einen „spatial turn“ mit aktueller Forschung zur Geschichte und Nachgeschichte des Holocaust. Die daraus erwachsenen Fragestellungen und Erkenntnisse verschiedener Disziplinen sollen zusammen-geführt werden, um so eine fachübergreifende kritische Auseinandersetzung mit Begriffen und methodischen Zugängen zu ermöglichen. Eine solche Synthese steht bislang aus.
Das Sprechen von Räumen und Orten verschiedener Art ist mittlerweile fester Bestandteil der Beschäftigung mit der Geschichte und Nachgeschichte des Holocaust geworden, bevorzugt jedoch in einer metaphorisch-suggestiven Form. Demgegenüber sollen die Beiträge der Konferenz einzelne Räume analysieren (seien sie materiell oder immateriell, historisch, gegenwärtig oder imaginiert) und deren Produktion beziehungsweise Konstruktion untersuchen. Dabei wird Raum als prozessual und relational begriffen, als sozial hergestellt und sozial wirkmächtig. Die einzelnen Panels werden interdisziplinär besetzt und systematischen Schwerpunkten gewidmet sein.

Erbeten werden Beiträge, die eine kritische Reflexion der verwendeten Konzepte und Begriffe leisten. Folgende Themenfelder erscheinen hierfür besonders geeignet:

Die Historiografie des Räumlichen und die Räumlichkeit(en) der Historiografie 
Die Geschichte des „spatial turn“ in der Holocaustforschung beinhaltet mindestens vier Aspekte, die in den Blick genommen werden können: die Rolle von Raum in früheren Forschungen zum Nationalsozialismus, die Bedeutung raumbezogener Wissenschaften im NS selbst, die Weiterentwicklung der Geografie des Forschungsfeldes nach 1989 und die Räume der Forschung, also Archive, Museen, Tat-, Ereignis- und Erinnerungsorte.

Neue Methoden in der Holocaustforschung nach dem „spatial turn“
Der Raum als Zugang zur Geschichte des Holocaust ist verbunden mit weiteren Kategorien, die notwendig räumlich zu denken sind und teilweise ebenfalls als „turns“ ausgerufen wurden, so der „material turn“, der „forensic turn“ oder neue Ansätze der Körperforschung. Wie beeinflusst die Wahl der Analysekategorie Raum die Entwicklung von neuen Forschungsmethoden in der Holocaustforschung? Welchen Beitrag leisten neu einbezogene Disziplinen? Zum anderen kann nach Methoden jenseits der etablierten wissenschaftlichen Zugänge gefragt werden.

Räumliche Praktiken
Der Holocaust lässt sich in eine Vielzahl räumlicher Praktiken unterteilen. Auf Seiten der Täter*innen handelt es sich in erster Linie um die Herstellung von (Gewalt-)Räumen. Bei ihrer Analyse ist zu beachten, dass Pläne nie exakt in eine (gebaute) Realität überführt werden können. Auf Seiten der Verfolgten handelt es sich einerseits um die (erzwungene) Nutzung und Aneignung dieser Räume. Andererseits sind sie als Produzent*innen realer und imaginierter Räume in den Blick zu nehmen. Hinzu kommen die räumlichen Praktiken der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaften, die bislang wenig Beachtung in der Forschung gefunden haben.
Die grundsätzliche methodische Unterscheidung von Intention und Realisierung lässt sich auch auf die Analyse räumlicher Strategien von Gedenkstätten, Museen oder Denkmälern übertragen.

Landschaft als zentrale Konfiguration des Räumlichen
Der Begriff der Landschaft findet in vielen Studien zum Holocaust Verwendung. Er verbindet das historische Ereignis mit einem Raum und verweist auf Auswirkungen bis in die Gegenwart. Oftmals bleibt jedoch unklar, ob er als Metapher oder Analysekategorie eingesetzt wird. Eine kritische Auseinandersetzung mit Landschaft als kulturellem Konstrukt verspricht, das heuristische Potential des Begriffs deutlicher fassen zu können.

Räumliche Repräsentationen – Repräsentationen des Raumes 
Das Verhältnis von Repräsentation und Raum lässt sich mindestens in dreifacher Perspektive untersuchen: Erstens stellt sich die Frage, wie räumliche Aspekte des Holocaust in verschiedenen Medien dargestellt werden. Zweitens lässt sich die räumliche Gestaltung von Holocaustrepräsentationen wie beispielsweise Denkmälern analysieren. Drittens kann diskutiert werden, wie Forschungsergebnisse mit Hilfe von Grafiken, Diagrammen oder Karten visualisiert werden.

Mikrogeschichte
Studien, die sich der Forschungsperspektive der Mikrogeschichte bedienen, sind besonders geeignet für eine Raumanalyse. Sie ermöglichen eine detaillierte Auseinandersetzung mit spezifischen Konstellationen, beispielsweise in einem Dorf, einem Stadtteil oder einem Lager. Welches sind die Orte, die mit dem Holocaust verbunden sind, wo sind sie gelegen und wie wurden bzw. werden sie wahrgenommen? Mithilfe einer mikrogeschichtlichen Perspektive können außerdem Erkenntnisse über den Alltag und das Handeln von Opfern, Täter*innen und der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaften gewonnen werden.

Raum im Text
Die Frage nach dem Raum/dem Räumlichem im Text lädt zur Re-Lektüre von unterschiedlichen mündlichen und schriftlichen Zeugnissen ein, die vordergründig nicht (oder nicht in erster Linie) von Räumen handeln: Berichte von Überlebenden, Ermittlungs- und Justizakten, Täter*innendokumente, Texte auf Gedenktafeln, literarische, aber auch wissenschaftliche Texte können so neu in den Blick genommen werden. Daneben kann die Verwendung weitverbreiteter räumlicher Metaphern, wie beispielsweise Spurensuche, Zeitschichten, Aufdecken und Graben, untersucht werden.

Die Veranstalterinnen bitten um Abstracts mit Vorschlägen für einen 20-minütigen Beitrag auf Deutsch oder Englisch inklusive Titel und kurzen biographischen Angaben (insgesamt maximal zwei Seiten). Eine Sektion besteht aus 1-stündigen Führungen im Hamburger Stadtraum, um die Verbindung von Raum und Forschung in situ zu erproben. Auch hierfür können Vorschläge eingereicht werden.
Für beide Formen der Konferenzbeiträge bitten wir um Zusendung der Vorschläge an Alexandra.Klei@igdj-hh.de bis zum 31. Juli 2019. Bewerbungen von Doktoranden und Doktorandinnen sind ausdrücklich erwünscht. Das Tagungsprogramm wird im August bekannt gegeben. Um eine verbindliche Teilnahme für die Gesamtdauer der Konferenz wird gebeten.
Die Veranstalterinnen bemühen sich aktuell darum, eine Förderung für die anfallenden Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung zu erhalten. Kinderbetreuung wird bei Bedarf ermöglicht. Der Tagungsort ist rollstuhlgerecht. Eine Veröffentlichung ausgewählter Beiträge ist geplant. 

Ein ausführliches Konzeptpapier findet sich hier.

Folgende Wissenschaftler/innen haben ihre Teilnahme bereits bestätigt: 
Prof. Dr. Tim Cole (University of Bristol), Dr. Zuzanna Dziuban (Universiteit van Amsterdam), Dr. Anna Hájková (University of Warwick), Dr. Elżbieta Janicka (Institut für Slawistik, Polnische Akademie der Wissenschaften, Warschau), Dr. Ulrike Jureit (Hamburger Institut für Sozialforschung), Prof. Dr. Dr. Judith Kasper (Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Dr. Konrad Kwiet (Sydney Jewish Museum), Dr. des. Gintarė Malinauskaitė (Deutsches Historisches Institut Warschau, Außenstelle Vilnius), Dr. Hannah Pollin-Galay (Tel Aviv University).
 

Weitere Informationen gibt es hier!