Call for Papers: Orte der Einsperrung als multifunktionale Räume in Westeuropa und Russland (16.-19. Jahrhundert)

Bewerbungsschluss: 15. März 2019

Seit geraumer Zeit finden mittelalterliche und frühmoderne Orte der Einsperrung ein verstärktes Interesse der Geschichtswissenschaft, seit Längerem bereits in der deutsch- und englischsprachigen Historiographie (Spierenburg 1991, Finzsch/Jütte 1996, Weiß/Scheutz/Brunhart 2010), seit einigen Jahren auch in Frankreich (vor allem Heulant-Donat/Claustre/Lusset 2011) und in Russland (Shalyapin, Akelyev). Dabei geht es insbesondere darum, aus einer traditionellen Perspektive auszubrechen, die in ihnen lediglich unvollkommene „Vorläufer“ der erst im 19. Jahrhundert noch zu erfindenden modernen Strafanstalt bzw. einer Landschaft aus funktional differenzierten Anstalten zur Verwaltung von Marginalität sah. Durch einen Zugriff, der sich vor allem für die Praktiken und „Mikrotechniken“ der Schaffung und Organisation geschlossener Orte interessiert, ist das Ziel vielmehr, die Eigencharakteristika dieser Institutionen – zu denen traditionelle Gefängnisse, vor allem im urbanen Raum, aber auch Klöster, Hospitäler, Zucht- und Arbeitshäuser usw. zählen – analytisch zu erfassen. Darüber hinaus ist es angesichts dieses sehr heterogenen Ensembles notwendig, über geteilte Praktiken zwischen diesen Orten zu reflektieren und sich zu fragen, durch welche Mechanismen der Transmission diese von einem zum anderen weitergegeben wurden und wie diese Transferprozesse an übergreifende gesellschaftliche Entwicklungen rückgekoppelt waren. Schließlich soll durch einen komparatistischen Zugriff, der verschiedene kulturelle Räume miteinander in Beziehung setzt, der analytische Blick geschärft und nach übergreifenden Strukturen, aber auch nach Spezifika (etwa entlang konfessioneller Grenzen) gefragt und die Zirkulation von Praktiken und Wissensbeständen zwischen diesen Räumen untersucht werden.

Ein besonders fruchtbarer Ansatz, um dieses Programm umzusetzen, ist die Untersuchung von räumlichen Praktiken (Bretschneider 2008, Bretschneider/Claustre/Heullant-Donat/Lusset 2018). Im und über den Raum kommen die „Wahlverwandtschaften“ (Treiber/Steinert 2005) zwischen verschiedenen, der Außenwelt gegenüber abgeschlossenen Orten besonders zum Vorschein. Aufzeigen lässt sich dies beispielsweise an räumlichen Archetypen wie der Mauer, dem viereckigen Kreuzgang oder der Zelle, die nicht nur in Klöstern, sondern auch in zahlreichen Hospitälern und Zuchthäusern der Frühen Neuzeit Wiederverwendung fanden (sei es, weil diese Einrichtungen in ehemaligen Klostergebäuden untergebracht wurden, sei es, weil man sich bei Neubauten an genau diesen Modellen orientierte) und die Strafanstaltsarchitektur auch noch im 19. und 20. Jahrhundert prägten. Ein weiteres Beispiel sind Ess- und Gebetspraktiken, die in ihrer spezifischen Verknüpfung und Verankerung im Raum, für die paradigmatisch das klösterliche Refektorium sowie die Klosterkirche stehen, auch in anderen frühmodernen Institutionen der Einsperrung (insbesondere in Zucht- und Arbeitshäusern) reaktiviert wurden. Ein drittes gemeinsames Merkmal vieler Orte der Einsperrung – inklusive der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Klöster – ist schließlich ihre Multifunktionalität und die Heterogenität ihrer Insassenpopulationen, die sich in Verbindung mit der Zeitordnung durch Praktiken der Platzierung, aber auch der Zirkulation auch im Raum abbilden.

Vor diesem Hintergrund setzt sich die geplante internationale Tagung den Austausch über neue Erkenntnisse zur Geschichte der Einsperrung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zum Ziel. Fokussiert wird dabei erstens auf die Frage nach der Transmission von Praktiken von den mittelalterlichen Klostergemeinschaften bis zur modernen Strafanstalt. Und zweitens sollen mit dem Vergleich zwischen West- und Osteuropa (und insbesondere Russland) die Beziehungen zwischen zwei Räumen in den Blick genommen werden, die bislang erst wenig von der Forschung thematisiert worden sind. Die Tagung soll somit erstmalig Forscher aus Frankreich, Deutschland und Russland, aber auch aus Kanada und der Schweiz für eine gemeinsame Diskussion ihrer Forschungsergebnisse sowie von Theorie- und Methodenprobleme zusammenbringen.:

Ausgegangen wird von der seit Langem bekannten Einsicht, dass die Techniken der Einsperrung keineswegs Produkte der Moderne sind, sondern strukturelle Ähnlichkeiten mit den aus dem Mittelalter stammenden klösterlichen Praktiken der Kontrolle und Buße, aber auch der Heilserlangung aufweisen (Goffman 1961, Foucault 1972). Die weltlichen Institutionen hätten demnach Formen, Logiken und Praxis der religiösen Lebensführung und Disziplinierung übernommen. Das Kloster als ein Ort des inneren Rückzugs – claustrum – ist stilbildend für ein ganzes Sample an Praktiken und Techniken der Einsperrung gewesen. Doch die Art und Weise, wie dies geschehen ist, bleibt bislang noch ein Forschungsdesiderat: Zwischen dem Kloster und dem „modernen Gefängnis“ gibt es einen missling link. Zwar lassen sich auch in den mittelalterlichen Klöstern bereits besondere Orte zur Einsperrung von widerspenstigen Mönchen und Nonnen – der carcer – nachweisen (Lusset 2017; Shalyapin 2013); diese machen sie aber nicht zu Gefängnissen. Und in modernen Strafanstalten setzen sich unzweifelhaft ältere Praktiken und Techniken eines religiös motivierten Rückzugs von der Welt, der Buße, aber auch der Disziplinierung fort, ohne dass diese Orte aber Klöster wären. Auch die Produktion eines Scham bzw. Schuldgefühls (z. B. in der spezifischen Form von Reue und Einsicht) ist bis heute Teil des institutionellen Programms (Kollmann 1999; Frevert 2017). Wie also sind aus den mittelalterlichen monastischen Gemeinschaften die Prinzipien moderner Strafanstalten hervorgegangen? Der missing link, so unser Vorschlag, ist in den multifunktionellen Institutionen der Einsperrung in der Frühen Neuzeit zu suchen, in denen sich sakrale und weltliche Logiken mischten.

Zu diesen gehörten zunächst die Klöster selbst. Sie dienten sowohl in Frankreich (etwa im Rahmen einer arbiträren Einsperrungspraxis durch die lettres de cachet) und in den katholischen Teilen des Alten Reichs, als auch im zaristischen Russland als kombinierte Institutionen, die religiöse, karitative, aber auch strafende und disziplinierende Funktionen miteinander verbanden. Russische Klöster waren so nicht nur Heim für Mönche und Nonnen, sie fungierten gleichzeitig auch als Orte zur Bestrafung von Verbrechern, zur Isolierung politischer Gegner, zur Disziplinierung aufsässiger Bauern, zur Versorgung von kranken oder behinderten Menschen und zur Erziehung von Kindern. In vielen protestantischen Gebieten Europas wurden die nahezu gleichen Funktionen – in ihrer ganzen Bandbreite – von einem anderen Institutionentyp erfüllt: den maisons de discipline (Zuchthäuser im deutschen Raum, Bridewells in England, Tuchthuizen in den Niederlanden). Es handelt sich also um ein kultur- und auch konfessionsübergreifendes Phänomen, dessen genau Konturen, Strukturbedingungen und Funktionsweisen – auch und gerade in der west-östlichen Verknüpfung – bislang aber noch nicht genauer untersucht worden sind. Von unseren Diskussionen dürfen also interessante Impulse für die gesamte internationale Forschung erwartet werden.

Indem wir „Multifunktionalität“ als einen zentralen Marker für die Praktiken der Einsperrung in der Frühen Neuzeit in den Mittelpunkt stellen, möchten wir die Perspektive aus der Engführung auf einzelne institutionelle Typen und aus der Beschränkung auf nationale Historiographien lösen. Dabei sollen durch einen Call for Papers auch Forscherinnen und Forscher (inklusive Nachwuchswissenschaftler/innen) einbezogen werden, die zu Orten und Themen arbeiten, die bislang noch nicht im Blickfeld der Organisatorinnen und Organisatoren sind.

Folgende Fragen sollen dabei leitend sein:

  • Welche institutionelle Typen in der Frühen Neuzeit verbinden Praktiken der Einsperrung mit unterschiedlichen Zwecksetzungen (religiös, karitativ, strafend usw.)? Lassen sich diese kategorisieren? Wie wird die Multifunktionalität begründet und mit der Organisation der umgebenden Gesellschaft in Verbindung gebracht?
  • Wie verbinden sich religiöse und weltliche Praktiken und Techniken in diesen Institutionen – und lassen sie sich überhaupt voneinander trennen? In welchem Verhältnis stehen hier soziale, wissenschaftliche und religiöse Wissensbestände und Begründungszusammenhänge zueinander?
  • In welchen Räumen sind diese Institutionen untergebracht und wie sind diese Räume organisiert? Wann tauchen sie auf und verbreiten sich? Werden sie aus dem Nichts geschaffen oder nutzen sie bestehende Gebäude nach?
  • Wie spiegelt sich die Multifunktionalität in der Organisation der jeweiligen Institution wieder: unterschiedliche Abteilungen, unterschiedliche Insassenpopulationen, Organisation von Alltag, wirtschaftlichen und religiösen Aktivitäten?
  • Welche Folgen hat die Multifunktionalität für die sozialen Beziehungen in der Institution? Sind die Insassengruppen streng voneinander getrennt oder überschneiden sie sich? Auf welchen Prozessen der Kategorisierung beruhen sie? Verleiht die Multifunktionalität Handlungsspielräume oder schränkt sie sie ein? Welche Folgen hat sie für Prozesse der Vergesellschaftung in der Einsperrung?
  • Welche Verbindungen gibt es zwischen diesen Institutionen? Gibt es personelle Transfers, Austausch von Praktiken oder Wissensbeständen? Von welchen sozialen Gruppen werden solche Transfers gegebenenfalls getragen?  Welche Rolle spielen konfessionelle Unterschiede, aber auch die in Europa unterschiedlich diffundierenden Ideen der Aufklärung, bei der Entwicklung der Anstalten?
  • Welche Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede in den Praktiken lassen sich zwischen Westeuropa und Russland feststellen? Gibt es nachweisbare Kontakte (z. B. Besuche von einzelnen Anstalten), die darauf schließen lassen, dass einzelne Elemente der Einsperrungspraxis übertragen wurden? Gab es möglicherweise sogar intensivere Austauschbeziehungen im Sinne einer histoire croisée?

Internationaler Workshop, (4.-5.) September 2019, Moskau

Bewerbungsschluss: 15. März 2019

Bewerber werden gebeten, einen Titel und ein Exposee zum Vortrag (500 Wörter) zusammen mit einem Lebenslauf (als PDF-Datei) an Ekaterina Makhotina zu senden: emakhotina(at)uni-bonn.de

Die ausgewählten Teilnehmer/innen werden im April 2019 informiert. Da die Vorträge (20 Minuten) simultan übersetzt werden, sind sie, zusammen mit einem einseitigen Abstract in englischer Sprache, bis zum 15. Juli 2019 einzureichen.

Konferenzsprachen: Russisch, Französisch, mit Simultanübersetzung.

Veranstalter: EHESS Paris, Universität Bonn, DHI Moskau, Universität Paris 8, UQAM Montreal

Organisation: Ekaterina Makhotina, Falk Bretschneider, Natalia Muchnik, Vincent Milliot, Pascal Bastien

weitere Informationen unter: www.dhi-moskau.org