Evakuation - Rückzug - Liquidierung

30.01.-31.01.2020, Tagung, Słubice (Polen) und Frankfurt / Oder

Internationaler Workshop "Evakuation - Rückzug - Liquidierung. Praktiken der Verschiebung und Auflösung von Staaten im 20. Jahrhundert

Eine Kooperation der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder und dem Deutschen Historischen Institut Warschau in Partnerschaft mit dem Museum Viadrina/Gedenk- und Dokumentationsstätte "Opfer politischer Gewaltherrschaft", dem Muzeum martyrologii w Słońsku sowie dem Institut für angewandte Geschichte

Veranstaltungsorte: Słubice (Polen) und Frankfurt / Oder

Organisator/innen: Felix Ackermann (Warschau), Janine Fubel (Berlin), Claudia Weber (Frankfurt / Oder); Eine Kooperation der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt / Oder und dem Deutschem Historischen Institut Warschau in Partnerschaft mit dem Museum Viadrina / Gedenk- und der Dokumentationsstätte „Opfer politischer Gewaltherrschaft“, dem Muzeum Martyrologii w Słońsku sowie dem Institut für angewandte Geschichte.

Im Januar 2020 jährt sich die gewaltsame Liquidierung des Zuchthauses Sonnenburg zum 75. Mal: Wenige Tage vor dem Heranrücken der Roten Armee erschossen deutsche Täter am 31. Januar 1945 im damaligen Osten Brandenburgs circa 800 InsassenInnen. Die TeilnehmerInnen des internationalen wissenschaftlichen Workshops wohnen den Gedenkveranstaltungen im heute polnischen Słońsk bei und kontextualisieren mit ihren Beiträgen den Massenmord als Teil der Gewalt, die nationalsozialistische AkteurInnen auf dem Rückzug nach Erreichen der Grenzen des sogenannten Altreichs freisetzten. Der Gefangenenmord von Sonnenburg wird konsequent zusammen mit der gewaltsamen Auflösung von anderen Institutionen des „Dritten Reichs“ betrachtet. Dazu gehören die Zwangsarbeiterlager entlang der damals im Bau befindlichen Autobahn Berlin-Warschau, das sogenannte Arbeitserziehungslager „Oderblick“ und die nachträglich als Todesmärsche gefassten „Evakuierungen“ der Konzentrationsla-ger, wie der des Komplexes Sachsenhausen.

Ziel des Workshops ist es, Praktiken der Auflösung von Staatlichkeit in Kriegs- und Gewaltsituationen vergleichend zu diskutieren. Dabei soll das geläufige Bild von Staatszusammenbrüchen als chaotische, gesetzlose Situationen hinterfragt werden. Welche und wessen „Gesetze“ gelten, wenn Staaten zusammenbrechen? Auch wenn der betroffene Staat nicht mehr über genügend Ressourcen verfügt, um das Gewaltmonopol über sein gesamtes Territorium auszuüben, hört er nicht umgehend auf zu existieren. Wie agieren Akteure der Staatsmacht, wenn diese erodiert? Wie ist zu erklären, dass Gefangene in Gefängnissen oder Lagern nicht zurückgelassen oder übergeben, sondern in der Mehrzahl und oft zeitlich unmittelbar vor dem Eintreffen der feindlichen Front verschleppt oder ermordet werden? Welche Annahmen liegen diesen Gewaltpraktiken zugrunde? Wie laufen die Räumungen und Exekutionen im Detail ab; wer führt sie durch? Besonderes Augenmerk wird dabei auf staatliche Gewaltakteure gelegt: Gefängniswächter, Lagerleitungen oder jene Erschießungskommandos des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges, die 1944/1945 in das Altreich zurückkehrten. Arbeitshypothese des Workshops ist, dass in Situationen existenzieller Bedrohung, wenn die Ausübung von Herrschaft nur noch in zunehmend kleiner werdenden Räumen möglich ist, die geltenden Regeln und Grenzen der Funktionsweise staatlicher Institutionen in besonders radikaler Form sichtbar werden. Ein zentraler Grund dafür ist die situative Infragestellung der gegenseitigen Bedingtheit von Loyalität des Personals der Institutionen gegenüber dem Staat in kontingenten Extremsituationen.

In vergleichender Perspektive diskutieren die TeilnehmerInnen des Workshops das kritische Verhältnis von Raum, Zeit und Wissen in unterschiedlichen Prozessen der Auflösung von Staaten. Dabei sollen besonders die territorialen Veränderungen in Europa während des Ersten und Zweiten Weltkriegs in den Blick genommen werden. Präzise Kenntnisse über Dynamiken von Kriegsschauplätzen und -lagen wie über genaue Frontverläufe und Einschätzungen, wie schnell die Herrschaft über ein bestimmtes Territorium schwindet, waren entscheidend für die staatlichen Akteure in den sich in Auflösung befindlichen Institutionen. Welche Rolle spielte dieses Wissen für die getroffenen Entscheidungen über den Verbleib von Unterlagen, Gütern und Personen? Welchen Einfluss hatte die jeweilige Ideologie des bedrohten Staates für die Aufrechterhaltung von Institutionen in kritischen Situationen?

Ein Fokus des Workshops liegt auf dem Zusammenhang zwischen der Auflösung von Staatlichkeit und der Radikalisierung von Gewalt. Die Aufhebung staatlicher Ordnung ging immer wieder mit dem Freisetzen verschärfter Gewalt einher. Anhand des Umgangs mit Gefängnissen, Lagern und deren InsassInnen diskutieren die TeilnehmerInnen, wie staatliche Stellen in kritischen Situationen (oft selbst geschaffene) Dilemmata durch Gewalt zu beseitigen suchen. Durch massenhafte Internierung versuchten die kriegsführenden Parteien in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts Menschen auf Grundlage unterschiedlicher Ideologien als vermeintliche Bedrohung für den Staat zu isolieren. Durch ihre hohe Konzentration schufen sie damit aber selbst das spezifische Problem, wie mit diesen Internierten im Moment der eintretenden Auflösung von Staatlichkeit verfahren werden sollte. Während strafrechtlich Verfolgte in der Regel amnestiert wurden, um staatliche Ressourcen zu sparen, zeichnen sich bei politisch Verfolgten und sogenannten GeheimnisträgerInnen zwei Optionen ab: Entweder erfolgt die Evakuierung von Teilen der Institution – wobei in der Regel räumliche und soziale Strukturen schwinden – oder die Internierten werden in letzter Minute vor Ort ermordet. Der Workshop fragt nach Symmetrien zwischen der Organisation, Erhaltung und Verschiebung oder der Beseitigung des jeweiligen (Gewalt-)Raumes und den Ideologien innerhalb des Raumes. So gerät auch die innere Handlungslogik der Verantwortlichen während beider radikalen Optionen als Praktiken der Auflösung von Staatlichkeit in den Blick.

Anmeldefrist: 24. Januar 2020

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