Les jeudis de l’Institut historique allemand: Andreas Fickers, Entre altérité et familiarité

25.04.2019, Vortrag, DHI Paris

Vortrag im Rahmen der Reihe »Les jeudis de l’Institut historique allemand«

Andreas Fickers (université du Luxembourg), Entre altérité et familiarité: pour une herméneutique numérique en sciences historiques

Kommentar: Christian Jacob (CNRS, EHESS)

Zum Vortrag:
Die grundlegende Methode, nach der Historikerinnen und Historiker arbeiten, ist etwa 150 Jahre alt: die Hermeneutik. Hermeneutik ist das Nachdenken darüber, wie Wissen zustande kommt und wie es plausibel vermittelt werden kann. Genauso wie die Digitalisierung heute nahezu jeden Aspekt unseres Lebens bestimmt, hat sie auch enormen Einfluss darauf, wie Forschende in den Geisteswissenschaften Erkenntnisse erzielen. In der Arbeitsweise der Historikerinnen und Historiker reflektiert sich das aber kaum. Wir brauchen daher, so die These des Vortrags, ein Update des kritischen Denkens in den Geisteswissenschaften auf das digitale Zeitalter.
Eine solche digitale Hermeneutik muss alle Schritte des Forschungs- und Erkenntnisprozesses kritisch reflektieren: die Quellen- und Literaturrecherche, die Quellenkritik, die Quellenanalyse und auch die Art und Weise, wie wir argumentieren und erzählen. Der Einfluss des Digitalen beginnt bereits bei der Suche nach Literatur und Quellen, die heutzutage größtenteils mithilfe von Suchmaschinen im Internet passiert. Nicht mehr ihre Handarbeit mit einem Archivinventar oder Bibliothekskatalog bestimmt die Rechercheergebnisse, sondern die Programmierung der Suchmaschine. Die dabei eingesetzten Algorithmen kennt und versteht aber kaum ein Historiker, kaum eine Historikerin. Ähnliches gilt für die Art, wie Quellen (»Daten«) in digitalen Archivbeständen vorliegen: Texte und Urkunden, aber auch Tondokumente, Filme oder Kunstwerke werden zunehmend digitalisiert. Das hat Auswirkungen auf die Authentizität – die Frage nach dem Original, dem heiligen Gral des Historikers früherer Zeiten, stellt sich bei der Arbeit mit Digitalisaten nicht mehr. Stattdessen müssen sich Historikerinnen und Historiker Gedanken machen über die Integrität der Digitalisate. Für eine wissenschaftlich valide Quellenkritik müssen wir verstehen, wie die Daten codiert, indexiert und mit so genannten Metadaten angereichert worden sind. Ohne digitale Quellenkritik geben wir die Kernkompetenz historischen Arbeitens auf. Geschichtswissenschaften im digitalen Zeitalter erfordern demnach neue Kompetenzen (»digital literacy & skills«) und ein kritisches Nachdenken darüber, wie historische Evidenz im Zeitalter von big data und Algorithmen produziert werden kann.

Die Vortragsreihe »Les jeudis de l’Institut historique allemand«, zielt darauf ab, aktuelle wissenschaftliche Debatten und Kontroversen in einem kritischen Dialog aufzugreifen und Wissenshorizonte über fachliche, geografische, sprachliche oder methodische Grenzen hinaus zu erweitern.

Informationen und Anmeldungevent(at)dhi-paris.fr