Volker Zimmermann: Polen und Litauer im Visier von Justiz und Kriminologie

27.05.2019, Vortrag, Vilnius

In Zusammenarbeit mit dem Litauischen Historischen Institut
Veranstaltungsort: Litauisches Historisches Institut, Weißer Saal

Als die erste offizielle Kriminalstatistik des Deutschen Kaiserreichs veröffentlicht wurde, konnten aufmerksame Beobachter einen Ost-West-Gegensatz aus den Zahlen der wegen Verbrechen und Vergehen gegen die Reichsgesetze verurteilten Personen feststellen: Die Tatsache war offensichtlich, dass 1882 im östlichen Teil des Reiches, den preußischen Ostprovinzen, mehr Menschen als anderswo vor Gericht standen. Zahlreiche Statistiker, Juristen und andere Autoren befassten sich von nun an verstärkt mit der Frage, inwiefern ein angeblich besonderer „Volkscharakter“ von Polen und – in der Provinz Ostpreußen – Litauern für dieses kriminalstatistische Ost-West-Gefälle verantwortlich war. In den folgenden Jahren prägten solche als „objektiv“ erachteten Daten immer stärker wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurse. In dem Vortrag werden zum einen die kriminologischen und publizistischen Diskussionen zum Thema bis 1914 nachgezeichnet, zum anderen wird nach den Hintergründen für die Kriminalisierung der polnischen und litauischen Bevölkerung gefragt. Welche Deutungsmuster und Mechanismen begünstigten das Bild vom kriminellen „Fremden“, das bekanntlich auch heute noch in vielfältiger Form in Diskussionen über sogenannte „Ausländerkriminalität“ allgegenwärtig ist?

Volker Zimmermann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Collegium Carolinum, Forschungsinstitut für die Geschichte Tschechiens und der Slowakei, in München und apl. Professor für Neuere und Neueste sowie Osteuropäische Geschichte der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zuletzt erschien: Eine sozialistische Freundschaft im Wandel. Die Beziehungen zwischen der SBZ/DDR und der Tschechoslowakei 1945–1969 (Essen 2010).