Frankreich und die Entnazifizierung Deutschlands nach 1945

22.03.-23.03.2018, Tagung, DHI Paris

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Potsdamer Abkommen (Juli–August 1945) setzten die Alliierten in ihren jeweiligen Besatzungszonen in Deutschland und Österreich eine Politik der Entnazifizierung um, die zum einen die Bestrafung der Nationalsozialisten und zum anderen die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft zum Ziel hatte. In diesem Zusammenhang wurde eine Säuberung auf unterschiedlichen Ebenen (Justiz, Verwaltung, verschiedene Berufszweige) durchgeführt. Diese Vorgänge sind schwer zu erfassen, da die Entnazifizierung von den Alliierten trotz ihrer ursprünglichen Übereinkunft in Potsdam und der gemeinsamen Erfahrung der Nürnberger Prozesse (1945/46) auf unterschiedliche Weise gehandhabt wurde. Selbst im Westen, wo es Tendenzen zur Homogenisierung der Vorgehensweise, insbesondere in Bezug auf die Beteiligung der Deutschen selbst, gab, war die Entnazifizierung nie in verschiedenen Regionen und Berufszweigen einheitlich. 

Die Entnazifizierungspolitik war ambitioniert, da sie nicht nur die strafrechtliche Verfolgung der von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen, sondern auch die Unschädlichmachung der Funktionseliten des Regimes und die Beurteilung der Verstrickung von mehr als 8,5 Millionen Deutschen, die Mitglieder der NSDAP gewesen waren, zum Ziel hatte und gleichzeitig die Rückkehr zur Demokratie begleiten sollte. Die Phase der Entnazifizierung der Behörden erwies sich jedoch als kurz, da sie bereits 1948 für beendet erklärt wurde, auch wenn sich einige Verfahren im Westen bis in die 1950er Jahre hinzogen und sich in der Bundesrepublik ein längerfristiger Rechtsstreit entwickelte. Wenn die Entnazifizierung im Westen im Nachhinein auch als zu begrenzt kritisiert wurde, war die Demokratisierung nach 1945 dauerhaft gesichert. Daher verlangt die Bewertung der Entnazifizierungspolitik nach einem differenzierten Urteil und trotz der bisherigen Arbeiten bleiben noch zahlreiche Teilbereiche zu untersuchen.

In der Forschung war die Entnazifizierung von Justiz und Verwaltung insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren Gegenstand zahlreicher Studien entweder auf regionaler Ebene oder für die einzelnen Besatzungszonen. Zwar wurden auch vergleichende Untersuchungen durchgeführt, doch fehlt für die Entnazifizierung in der französischen Besatzungszone bis heute ein Gesamtüberblick und auch der Vergleich zum Umgang mit Kollaborateuren in Frankreich wurde in der Vergangenheit meist vernachlässigt. 

Die unbeschränkte Öffnung der französischen Archivbestände über den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen (Entscheidung des Premierministers vom 24. Dezember 2015) sowie die Bemühungen der betreffenden Archive, den Zugang zu den Beständen der Verwaltung der französischen Besatzungszone mit mehr als 250 000 Entnazifizierungsakten zu erleichtern, eröffnen der Forschung heute neue Perspektiven. 

Die Tagung hat das Ziel, unter Mitwirkung von Archivaren der betroffenen Bundesländer, sowohl eine historiographische Bilanz zu ziehen, als auch die in Deutschland und Frankreich verfügbaren, unveröffentlichten oder bisher außer Acht gelassenen Quellen zu präsentieren und mögliche neue Fragestellungen und Forschungsfelder zu bestimmen. Die Analyse von Theorie und Praxis der Entnazifizierungspolitik in der Französischen Besatzungszone soll in einem komparativen Verfahren (britische, amerikanische und russische Quellen) geschehen um etwaige Besonderheiten herauszuarbeiten. 

Die Vorträge sollten die juristischen Bedingungen und Funktionsweisen der mit der Entnazifizierung beauftragten Jurisdiktion und Bürokratie untersuchen, doch besteht auch die Möglichkeit zu Fallstudien, basierend auf den Aussagen von Betroffenen und Zeitzeugen sowie der Aktenüberlieferung, um die französische Entnazifizierungspolitik zu veranschaulichen, bevor die Entscheidung den Spruchkammern der neuen Bundesrepublik übergeben wurde. Abgesehen von diesen individuellen Fällen, liegt daher ein weiterer Schwerpunkt der Tagung auf dem Aufbau und der Rekrutierungspraxis der deutschen Nachkriegsadministration. Die Tagung versteht sich auch als Beitrag zur Sozialgeschichte der entstehenden westdeutschen Demokratie. Die Entnazifizierung, die die gesamte Gesellschaft betraf, war Aufgabe der deutschen Verwaltung, die zwar Amtsenthebungen anstrengte, zugleich aber auch die Reintegration von Funktionären und deren Rechte in der Bundesrepublik frühzeitig garantierte, die unabkömmlich für den Wiederaufbau des Landes schienen. 

Die Tagung bietet die Gelegenheit, die in den letzten Jahren von verschiedenen deutschen Ministerien in Auftrag gegebenen Untersuchungen vorzustellen. An Hand der Ergebnisse und nicht zuletzt des Vergleich zwischen der Praxis in der jungen Bundesrepublik und der DDR sollen die Möglichkeiten und Grenzen einer umfassenden administrativen Säuberung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in beiden deutschen Staaten der französischen Öffentlichkeit vorgestellt und diskutiert werden. 

Die Tagung knüpft an die 2015/2016 vom AlliertenMuseum Berlin gezeigte Ausstellung »Who was a Nazi? Entnazifizierung in Deutschland nach 1945« an, bei der die Frage nach dem Beginn unter den Alliierten und der Weiterführung der Entnazifizierung durch die junge Bundesrepublik sowie die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf diesen Prozess im Zentrum stand.

Sprachen: Französisch, Deutsch, Englisch


Programm (auf Französisch/en français)

Jeudi 22 mars 2018
Lieux : IHA, 8 rue du Parc Royal, 75003 Paris

14h00
Accueil des participants

14h15
Prof. Dr. Thomas MAISSEN (directeur de l’IHA), Mot de bienvenue

14h30
Dr. Marie-Bénédicte VINCENT (ENS), Introduction. La dénazification: un processus à multiples dimensions

15h00
Première séance: Les dimensions de la dénazification de l’Allemagne
Présidence: Dr. Stefan MARTENS (IHA)
Dr. Matthias GEMÄHLICH (Universität Mainz), Von der deutschen »Kollektivschuld«. Die französische Anklage im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46
Prof. Dr. Corine DEFRANCE (CNRS / LabEx EHNE) / Frank HÜTHER (Universität Mainz), Un nouveau personnel pour une nouvelle université? Les défis du recrutement des enseignants à Mayence (1945–1949)
Dr. Jürgen FINGER (IHA), Une élite apolitique dans une économie politisée? La dénazification des entrepreneurs

16h30 
Pause café

17h00
Table ronde: Deutsche Ministerien und Behörden und der Nationalsozialismus. Stand und Perspektiven der Forschung
Présidence: Dr. Corinna FRANZ (Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus)
Prof. Dr. Dominik GEPPERT (Universität Bonn) et Prof. Dr. Stefan CREUZBERGER (Universität Rostock). Commentaire: Dr. Marc Olivier BARUCH (EHESS)

19h00
Verre d’amitié

Vendredi 23 mars 2018
Lieux: Centre des Archives diplomatiques, 3 Rue Suzanne Masson, La Courneuve

9h30
Hervé MAGRO (directeur des Archives diplomatiques), Mot de bienvenue

9h45
Deuxième séance: Les sources de la dénazification
Présidence: Florence DE PEYRONNET-DRYDEN (Archives nationales)
Dr. Kurt HOCHSTUHL (Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg i. Br.), Dr. Peter WETTMANN-JUNGBLUT (Saarländisches Landesarchiv), Dr. Walter RUMMEL (Landesarchiv Speyer), Dr. Michael MARTIN (Landeshauptarchiv Koblenz), Sébastien CHAUFFOUR (Archives diplomatiques)

11h00
Pause café

11h30
Troisième séance: Les procédures de la dénazification
Présidence: Dr. Marie-Bénédicte VINCENT (ENS)
Anton F. GUHL M.A. (KIT Karlsruhe), Entnazifizierung als Sprechakt. Zur Identitätskonstruktion durch Fragebogen und Persilschein 
Prof. Dr. Mikkel DACK (Syracuse University), The Paper Occupation: Isolating Denazification Bureaucracy under the French Military Goernment

12h30
Pause de midi / Visite du Centre des Archives diplomatiques

14h00
Quatrième séance: Études de cas présentées par les élèves du département d’histoire de l’ENS
Valentin BARDET, Gabrielle LAPREVOTE, Coline PERRON, Éric PESME, 
Marius BRUNEAU

15h00
Cinquième séance: Les secondes carrières
Présidence: Prof. Dr. Hélène MIARD-DELACROIX (Sorbonne Université)
Dorothee GRÄF (RWTH Aachen), Umfassende Entnazifizierung der Polizei im französisch besetzten Süd-Baden: Kontinuität auf dem (Rück-)Weg zur Demokratie?
Esther HEYER M.A. (LMU München), Vorteil oder Nachteil für die Entnazifizierung? Die Arbeit von Franziskus Graf Wolff Metternich im deutschen militärischen Kunstschutz in Frankreich
Gunnar MERTZ M.A. (Universität Wien), Entnazifizierung im alpinen Raum der französischen Besatzungsszone Österreichs

16h30 
Prof. Dr. Rainer HUDEMANN (Sorbonne-Université), Conclusion

17h00
Fin du colloque

Lieux et adresses:

IHA
8 rue du Parc Royal, 75003 Paris
(Metro: Saint-Paul)

Centre des Archives diplomatiques, 3 Rue Suzanne Masson, La Courneuve
(RER B: La Courneuve)

Accès au Centre des Archives diplomatiques uniquement sur présentation d'une carte d'identité et après inscription (gratuite) obligatoire à l’adresse suivante:
lecture.archives(at)diplomatie.gouv.fr

Kontakt

IHA
8 rue du Parc Royal, 75003 Paris
colloque-international(at)dhi-paris.fr