Jenseits von Kollaboration und Widerstand: Besatzungsalltag in Polen Neue Forschung aus Alltagsgeschichte und Erinnerungsforschung

23.04.-24.04.2020, Konferenz, DHI Warschau

Beachten Sie zu dieser Veranstaltung bitte auch die aktuellen Informationen des DHI Warschau.

Ort: Warschau

Veranstaltungsort: Deutsches Historisches Institute Warschau, Pałac Karnickich, Aleje Ujazdowskie 39, 00-540 Warschau

Veranstalter: Professur für Neuere Geschichte Osteuropas, Georg-August-Universität Göttingen; Deutsches Historisches Institut Warschau

Datum: 23.04.2020 - 24.04.2020

Seit über 30 Jahren verfolgt die Historiographie verschiedene Ansätze, die Geschichte Polens auch jenseits des nationalen Paradigmas zu untersuchen. Gerade im Hinblick auf die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg erscheint ein nationaler Erfahrungszusammenhang vor dem Hintergrund stark fragmentierter Lebenswirklichkeiten in den okkupierten Gebieten der Zweiten Republik zweifelhaft. Mit Gewalt wurde Polen einer tiefgreifenden territorialen und sozialen Neuordnung unterzogen, die in vielfältiger Form Bezug auf die ethnische und religiöse Diversität der Bevölkerung nahm. Die vermeintliche Befreiung deutscher Minderheiten diente der Legitimation des Angriffskrieges. Die administrative Gliederung des besetzten Landes folgte Imaginationen ethnischer Grenzziehung und biopolitischen Utopien, die den Alltag und die Überlebenschancen von Millionen Menschen bestimmten. Zugleich unterwarfen die deutschen Besatzer die Bevölkerung einer Hierarchisierung nach rassistischen und utilitaristischen Kriterien. Damit schufen sie ein Regime der Differenz, das verschiedene Bevölkerungsgruppen zueinander in Konkurrenz brachte und interethnischen Spannungen aus der Vorkriegszeit neue Dynamik verlieh. Schließlich wurden die Massenverbrechen des Holocausts erst vor dem Hintergrund des Besatzungsterrors möglich.

Angesichts der Fragmentierung der Erfahrungen zwischen den Extremen (Zwangs-) Germanisierung und Vernichtung überrascht die Langlebigkeit des nationalen Deutungsrahmens in Bezug auf Verhaltensweisen historischer Akteure unter Besatzung. Die jüngere Forschung weist normative Kategorien wie Kollaboration und Widerstand zurück und betont die Vielschichtigkeit historischer Erfahrungen. Auch entwirft sie „Besatzer“ und „Besetzte“ als jeweils sehr heterogene Gruppen, welche wiederum in ihrem durch asymmetrische Machtverhältnisse geprägten Alltag über vielfältige Interaktionen miteinander verbunden waren.

Einen Schlüssel zum Verständnis dieser komplexen Zusammenhänge bietet die Alltagsgeschichte, denn sie richtet den Blick vor dem Hintergrund der großen Strukturen der Besatzung auf soziale Praxis im mikrohistorischen Kontext. So geraten der Besatzungsalltag und seine konkreten Praktiken in den Blick, individuelle Perspektiven „von unten“ werden in Bezug zu „der“ Geschichte gesetzt. Dieses Vorgehen macht auch die Überlebensstrategien marginalisierter historischer Akteure sichtbar und nimmt ihre Erfahrungen ernst.

In Polen und in Deutschland haben sich in diesem Feld unterschiedliche Forschungstraditionen etabliert, die stärker miteinander in Austausch gebracht werden sollten. Daher laden wir Nachwuchswissenschaftler/innen, die zum Alltag unter der deutschen Besatzung Polens im Zweiten Weltkrieg forschen, zu einer zweitägigen Konferenz vom 23.–24. April 2020 ins Deutsche Historische Institut Warschau ein. Besonderes willkommen sind theoriegeleitete und empiriegesättigte Beiträge aus laufenden Projekten, gerne auch auf die sowjetische bzw. doppelte Besatzung bezogen, über die zeitlichen Zäsuren des Kriegs hinausreichend oder aus erinnerungsgeschichtlicher Perspektive.

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