Picturesque Modernities. Architectural Regionalism as a Global Process (1890–1950)

30.11. - 02.12.2016, Tagung, DFK Paris

Internationale Konferenz in Zusammenarbeit mit dem Cluster of Excellence ‘Asia and Europe in a Global Context’ (Global Art History)Deutsches Forum für Kunstgeschichte (DFK) ParisCentre de recherche interdisciplinaire en histoire, histoire de l’art et musicologie der Universität Poitiers (CRIHAM/Département d’histoire de l’art et archéologie)Centre André Chastel (CNRS/Universität Paris-Sorbonne) und Association d’histoire de l’architecture (A.H.A.).

30. November - 02. Dezember 2016, DFK Paris, Hôtel Lully, 45, rue des Petits-Champs, 75001 Paris. 

Konzept: Michael Falser (Universität Heidelberg)

In den letzten 20 Jahren definierte die Disziplin der Architekturgeschichte das Phänomen des Regionalismus als eine pan-europäische Bewegung zwischen 1890 und 1950, die – quasi als Spiegelbild des sog. International Modern Movements mit seiner rationalistischen und kosmopolitischen Agenda – darauf ausgerichtet war regionale Identitäten durch die Sprache von regionalistischen Baustilen zu generieren bzw. zu fördern. Zu jenem Zeitpunkt, als europäische Nationalstaaten wie Frankreich, England, Holland, Deutschland etc. in eine spätmoderne Phase der politischen Saturierung eintraten und damit auch das Bedürfnis nach kultureller Eigendefinition zunahm, trat architektonischer Regionalismus als eine vielgestaltige Option künstlerischer Strategien auf den Plan: dabei konnten diese Strategien entweder durch zentralistische Regime des jeweiligen Nationalstaats selbst als Mittel der Stabilisierung des nationalen Projekts durch die kontrollierte Emporwertung peripherer Kultur gefördert oder von zentrifugalen Interessensgruppen mit dem Ziel provinzieller Unabhängigkeit instrumentalisiert werden. In Frankreich z.B. manifestierte sich die regionalistische Bewegung mit einer Reihe von identitätsbildenden Bauprojekten, deren Stile entweder als ‚neo-Baskisch‘, ‚neo-Bretonisch‘ etc. bezeichnet wurden oder sich z.B. in einer Art von regionalistischem Eklektizismus von Seebad-Architektur manifestierte.

Die aktuellsten Groß-Projekte eine Art „globale Geschichte der Architektur“ zu schreiben oder sogar einen Kanon von „Weltarchitektur“ zu etablieren kann man aus kritischer Perspektive als eine mehrheitlich additive Sammlung von über den gesamten Globus verteilten architektonischen Fallbeispielen bezeichnen, die ihrerseits noch immer nach einem Ordnungssystem von geografischen und politischen Einheiten (Europa oder Nicht-Europa) strukturiert sind. Dabei transponierten diese Architekturgeschichtsprojekte eben nicht jenes oben kurz skizzierte Szenario auf einen wahrlich globalen Maßstab: da diese Tagung aber mehr auf die Vergleichbarkeit der dahinterstehenden Strategien politischer und kultureller Stabilisierung, Aushandlung und/oder Resistenz durch architektonischen Regionalismus abzielt, lassen sich die strukturellen Analogien des Zentrum-Peripherie-Modells auch zwischen dem europäischen ‚Mutterland‘ und seinen außereuropäischen Kolonien, bzw. zwischen den Hauptstädten jener Kolonien in Relation zu ihren eigenen Provinzen aufspüren. Wenn also sog. Area Studies vergleichbare politische Strategiewechsel von kultureller Assimilierung (direkter Transfer) zu Assoziierung (regionale Adaptierung) für europäische Kolonien in Asien und Afrika im selben Zeitraum (1890-1950) aufzeigen konnten, so kann man auch die Entstehung von ‚neo-vernakulären Stilen‘ innerhalb der Kolonien (z.B. der Style indochinois in Französisch-Indochina oder der neo-maureske Stil in Französisch Nord-Afrika, der Indo-Saracenic Style in Britisch-Indien, der Indische Stijl in Holländisch Ost-Indien etc.) als nicht-europäische Varianten von ‚regionalistischen Stilen‘ innerhalb europäischer Nationalstaaten lesen. Durch diesen ‚trans-kulturellen‘ Zugang möchte diese Tagung also alle regionalistischen Ausprägungen architektonischer Stile und Bauformen innerhalb eines global verbundenen Prozesses verorten.

Somit können auch transnationale Zugänge mit dem Versuch die verschiedenen inner-europäischen wie kolonialen Kontexte innerhalb der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts miteinander in Relation zu setzen dabei helfen auch jene relativ rezente Dynamik zwischen Globalisierung und Dezentralisierung (wie z.B. in Frankeich) zu verstehen, durch die Vorstellungen des Globalen und des Lokalen oftmals in ein und derselben zeitgenössischen Architektur simultan verhandelt werden.

Zum Konzept globaler Vernetztheit innerhalb der Architekturgeschichte

Die erbetenen Fallstudien können entweder regionalistische und (neo-)vernakuläre Architekturprojekte innerhalb europäischer Nationalstaaten oder in europäischen Kolonien in den Blick nehmen. Um jedoch gerade eine Art transkulturelle Matrix globaler Vernetztheit zwischen den verschiedenen regionalistischen Projekten herzustellen, die sich dezidiert außerhalb der herkömmlichen Trennung in einen Westen oder Nicht-Westen, in Europa oder Nicht-Europa, Mutterland oder Kolonie befindet, intendiert diese Tagung die verschiedenen Beiträge beider Gruppen immer direkt miteinander in Relation zu setzen (z.B. Frankreich in Relation zur französischen Kolonie Indochina etc.).

Um die Diskussion um strukturelle Analogien und Verbindungslinien über diese geografisch und politisch gesetzten Einteilungen hinweg in den Vordergrund zu stellen, sollten alle ausgewählten Präsentationen auf die folgenden Fragen bezüglich Träger (agency) und Prozesshaftigkeit eingehen:

  • In welcher konkreten Zentrum-Peripherie-Konstellation war das spezielle Projekt regionalistischer Architektur eingebettet?
  • Welche individuellen Akteure (Architekten, Ingenieure, Ethnographen, Politiker etc.) und Institutionen partizipierten (oder nicht) an jenem Projekt?
  • Auf welche regional existierende, vernakuläre Ausdrucksweisen und überkommenen Traditionen bezog sich das Projekt, und wie wurden diese Grundlagen zuerst gesammelt, dann inwertgesetzt (hybridisiert bzw. (neu) erfunden) und letztlich neu inszeniert?
  • Haben die unterschiedlichen Bauprojekte, institutionellen Einrichtungen und individuellen Akteure (cultural brokers) die gesetzten Trennlinien zwischen Nation und Region, zwischen Mutterland und Kolonien etc. sogar überschritten, neu konfiguriert?
  • Welche Plattformen des Wissensaustausches existierten über diese Trennlinien hinweg (wissenschaftliche Journale, Kongresse, (Welt)Ausstellungen, individuelle Netzwerke etc.)?

Diese internationale Konferenz wird in englischer, französischer und deutscher Sprache abgehalten und zwischen dem 30. November und 2. Dezember 2016 am Deutschen Forum für Kunstgeschichte Paris stattfinden. Sie ist eine Kooperation zwischen dem Exzellenz-Cluster ‘Asia and Europe in a Global Context – The Dynamics of Transculturality’ der Universität Heidelberg (mit dem Projekt “Picturesque Modernities”, Michael Falser/Global Art History), dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte (Thomas Kirchner), der Universität von Poitiers (Centre de recherche interdisciplinaire en histoire, histoire de l’art et musicologie/CRIHAM, mit dem Projekt “Corpus numérique du patrimoine architectural en région”, Nabila Oulebsir), dem Centre Chastel (CNRS/Univertsität Paris-Sorbonne, Alexandre Gady) und der Association d’Histoire de l’Architecture (Jean-Bapstiste Minnaert/Universität Sorbonne-Paris).

Diese Tagung ist eine Folgeveranstaltung der internationalen Tagung “Picturesque Eye. Framing Regionalist Art Forms in Late Empires (1900-1950)”, die im Dezember 2015 in Wien stattfand.

Nach der 1,5-tägigen Konferenz wird ein halbtägiger Doktoranden-Workshop zum Thema stattfinden.

Konferenz-Homepage: http://www.asia-europe.uni-heidelberg.de/en/global_regionalism