Potocki – Zaleski – Malinowski. Innovationen in der Geschichte der Ethnologie seit dem 18. Jahrhundert aus dem ehemaligen Polen-Litauen

26.11.2018, Vortrag, Vilnius

Prof. Dr. Thomas Wünsch (Universität Passau)

Der aus Krakau stammende Bronisław Malinowski (1884-1942) wird gewöhnlich als Schlüsselfigur in der Entwicklung der Ethnologie und Kulturanthropologie gesehen. Mit ihm verbinden sich das Ende einer „Armchair“-Ethnologie und der Beginn einer methodischen Wende, die auf (eigener) Feldforschung und einem funktionalistischen Denken beruht. Der Vortrag will zeigen, dass Malinowski in seinem Landsmann Jan Potocki (1761-1815) einen Vorgänger besitzt, der diese Wende in vielem bereits vollzogen hatte. Der aus Podolien kommende, mit dem Russland Alexanders I. sympathisierende und französisch schreibende Potocki dokumentierte seine Reisen durch Niedersachsen, Holland, Ägypten, Marokko, die Türkei und weite Teile Russlands. Seine stark historiographisch geprägten Reiseberichte, allen voran derjenige zu den Fahrten in die Steppen von Astrachan’ und in den Kaukasus („Voyage dans des steppes d’Astrakhan et du Caucase“, 1797-1798), halten reiches Material bereit, das Potocki tatsächlich als „neuen Herodot“ zeigt, wie er sich selbst sah. Mit den Methoden der teilnehmenden Beobachtung, der diversen Informationsbeschaffung und der Analyse von „Institutionen“ (z.B. von rituellen Tänzen), bei gleichzeitigem Verzicht auf kulturelle Entwicklungsmodelle und Hierarchien, tritt Potocki aber nicht nur als „Vater der modernen Ethnographie“ hervor, wie er in der bisherigen Forschung gewürdigt wird; genauso berechtigt erscheint es, ihm diesen Ehrentitel im Bereich der Ethnologie und Kulturanthropologie zu verleihen. Ein Beleg für die Sonderstellung Potockis könnten Ethnographen wie der aus der Gegend von Minsk kommende Bronisław Zaleski (1819/20-1880) sein, der bei seinen Reisen in die kirgisische Steppe einen Teil des methodischen Handwerkszeugs von Potocki verwendete.

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