Von Wilna nach Warschau. Der Blick eines akademischen Nomaden auf die Gegenwart Europas

08.06.2018, Buchvorstellung und Diskussion, Köln

Autor: Felix Ackermann (Deutsches Historisches Institut Warschau)

Moderation: Johanna Herzing, Journalistin, Deutschlandfunk: Redaktion Hintergrund

Ort: Lew Kopelew Forum (Köln)

Zeit: 19 Uhr

Was hält Europa heute zusammen? Wie gehen die Menschen in Litauen mit ihrer vor einem Vierteljahrhundert neu gewonnenen Freiheiten um? Wie funktioniert die Europäische Union an ihren östlichen Außengrenzen zwischen Kaliningrad und der Republik Belarus?

Statt über diese Fragen am Berliner Schreibtisch nachzudenken, brach Felix Ackermann 2011 auf, um Gastwissenschaftler in der litauischen Hauptstadt zu werden. Fünf Jahre später zieht er mit seiner Familie nach Warschau, wo er die Geschichte des litauischen und polnischen Gefängniswesens erforscht.

Der Umzug schärft den Blick des Historikers auf das Europa der Gegenwart: Er beobachtet in beiden Gesellschaften neue Formen von Patriotismus, den Einzug von paramilitärischen Praktiken in den Alltag und die Huldigung irregulärer Kämpfer als Reaktion auf die Annexion der Krim. Die ideologische Referenz der Veränderungen scheint für konservative Eliten hier wie da Carl Schmitt zu sein. Auf seinen Forschungsreisen stellt Felix Ackermann fest, dass sich im östlichen Europa eine Zivilgesellschaft herausgebildet hat, die anders ist, als das geflügelte Wort von der Offenen Gesellschaft in den 1990er Jahren zu versprechen schien. Erklärt diese andere Form von Zivilgesellschaft auch die radikale Politik der polnischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit? Der Autor richtet den Blick auf die Teile der polnischen Gesellschaft, die die anhaltende Revolution von oben unterstützen und legitimieren, ohne automatisch zu den Abgehängten der Transformation zu gehören.

2017 erschien im Suhrkamp-Verlag Felix Ackermanns Buch „Mein litauischer Führerschein. Ausflüge zum Ende der Europäischen Union.“ Der Historiker und Stadtanthropologe portraitiert darin kurzweilig und pointenreich eine mehrsprachige Gesellschaft, deren Aufbruch in eine bessere Zukunft immer wieder empfindlich gestört wird: von den eigenen sowjetischen Gewohnheiten, der Migration hunderttausender Bürger in den Westen und der russischen Annexion der Krim. In Köln blickt er zurück auf seine Erfahrungen in Wilna und reflektiert zwei Jahre Alltag in Polen.

Dr. Felix Ackermann (DHI Warschau) studierte Kulturwissenschaften, Geschichte und Politologie an der Europa-Universität Viadrina sowie an der London School of Economics. Im Rahmen seiner Dissertation schrieb er eine Kulturgeschichte der belarussischen Stadt Grodno. 2000–2011 baute er an der Viadrina gemeinsam mit deutschen und polnischen Studierenden das Institut für angewandte Geschichte auf. 2011–2016 visiting associate professor an der European Humanities University in Wilna. An der belarussischen Hochschule im litauischen Exil lehrte er auf Deutsch, Englisch, Russisch und Belarussisch Kulturgeschichte und erforschte die Beteiligung russischsprachiger Bürger an Stadtumbauprozessen im heutigen Litauen.

Das Buch kann während des Abends im LKF erworben werden, ansonsten in unserer Partnerbuchhandlung C. Roemke & Cie., Buch- und Kunsthandlung Friedrich Tacke GmbH Apostelnstr. 7, 50667 Köln.

UKB: 5,00 € / 2,50 € LKF-Mitglieder, Schüler, Studenten und ALG-II-Empfänger