Zwischen Wunderglauben und Ikonoklasmus. Der sakrale Raum im französischen 18. Jahrhundert

03.12. - 05.12.2018, Konferenz, Paris

Konzeption & Organisation: Markus A. Castor (DFK Paris), Martin Schieder (Universität Leipzig) und Wiebke Windorf (Universität Duisburg-Essen)

Nachdem Carle Vanloo seinen Zyklus La vie de saint Augustin für die Pariser Kirche NotreDame des Victoires vollendet hatte, pries deren Prior 1757 im Mercure de France seinen „temple du Seigneur“ als „un salon continuellement ouvert aux étrangers, & aux curieux qui y abondent de toutes parts pour admirer leurs ouvrages“. Dass ein Kleriker seine Kirche als einen musealen Raum begreift, spiegelt den fundamentalen Wandel wider, den das Sakrale im Jahrhundert der französischen Aufklärung erfuhr. Jenseits seiner politischen, sozialen und transzendentalphilosophischen Neubewertung formuliert dieser cultural shift Sinnstiftungsfragen, deren Veranschaulichung sich im öffentlichen Raum vollzieht. Die Kunst erweist sich hier als Matrix, als Seismograph und agierendes Instrument zugleich. Der sakrale Raum, der im Zusammenwirken sowohl von Architektur, Bildenden Künsten und Musik als auch von Theologie und Liturgie diesen Wandel als synästhetisches Ensemble orchestriert, ist nur in seinen Konvergenzen und Bedeutungsverschiebungen zu erfassen, wenn man ihn als Kristallisationsort religiöser Erfahrung, ästhetischer Überwältigung sowie sozialer Interaktion begreift. Nach dem Grand Siècle mit seiner Verdichtung religiöser Inbrunst am Ende der Herrschaft von Louis XIV, über die spirituelle Krise der Régence mit ihren kirchenpolitischen und sozialen Verwerfungen der querelle janséniste bis hin zur Kritik der reinen Vernunft erscheint die Kirche als ein Auftraggeber im permanenten Wandel.

Dieser Prozess schreibt sich in der Architektur mit programmatischen Umformungen des Bestehenden, etwa der gotischen Kathedrale, oder durch spektakuläre Neuinszenierungen, den sogenannten „embellissements“, ein. Das renouveau der Historienmalerei ist auch eines der religiösen Malerei, die sich im Salon und der Kritik präsentiert, bevor sie an ihren Bestimmungsort überführt wird. Ebenso suchen Skulptur und Kunsthandwerk nach Lösungen im Kontext einer durch Ausgrabungen und Historiographie beförderten Antikensehnsucht beziehungsweise Mittelalterbegeisterung, die ein neues Verständnis für die Funktion des Artefaktes entwickelt. So erlebte das 18. Jahrhundert eine intensive Phase der Neukonzeption und Restaurierung, aber auch der Zerstörung des sakralen Raumes zwischen theatrum sacrum und Galerie, zwischen Wunderglauben und Ikonoklasmus. Die im Spannungsfeld von De- und Resakralisierung unternommenen Transformationen mittelalterlicher und barocker Architekturen und Ausstattungen sprechen von einem paradigmatischen Wechsel, wenn es um die Vorstellungen zur sakralen Kunst und ihrer Funktion im zunehmend aufklärerischen Klima des 18. Jahrhunderts geht.

Die Tagung möchte aus einer intermedialen und transdisziplinären Perspektive nach den Evidenzen, religiösen Erfahrungen und ästhetischen Transformationen des sakralen Raumes im siécle des Lumières fragen. Inwieweit müssen wir die Kirche im 18. Jahrhundert nicht nur als einen sakralen Raum, sondern als einen Ort begreifen, der von Gläubigen wie von Touristen, von Klerikern wie von Künstlern, vom Adel wie von Bürgerlichen, von Männern und von Frauen aufgesucht und als gleichermaßen sozialer, ästhetischer sowie emotionaler Raum erfahren wurde? Wie lassen sich die fundamentale Säkularisierung und Entgrenzung erklären, die der sakrale Raum zwischen dem Tod von Louis XIV und der Französischen Revolution erfuhr? Wie geht die Kunst im Zeitalter des Aufbruchs der Naturwissenschaften, dem Jahrhundert der Enzyklopädien und der Wissensfeststellung mit der Frage der Glaubwürdigkeit des Transzendenten um? Vor dem Hintergrund einer von Kirchen- und Absolutismuskritik, Atheismus und Entmystifizierung der Religion und glaubwürdiger Reaktualisierung des Spirituellen geprägten Auseinandersetzung kommt den (syn)ästhetischen Konzepten des sakralen Raumes eine besondere Relevanz zu. Sie sind nicht nur kunsttheoretischer Diskurs, sondern bildhafter Ausdruck der anhaltenden Neujustierung der Gesellschaft der Aufklärung.

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