Project Database

The MWS project database provides an overview of current and completed projects at the institutes of the MWS and aims to make information on these accessible to everyone. It enables a search by subject area and subject. It is based on the selection of the Dewey Decimal Classification (DDC) adapted by the Bayerische Staatsbibliothek as the German specialised library for the field of history. It is also possible to search by country (states existing today) and major epochs. The database includes dissertation and habilitation projects that were funded, for example, as part of a scholarship, as well as the institute's own and third-party-funded collaborative projects.


The search results are sorted chronologically in descending order, starting with the project with the most recent start date.

The project database aims to provide a comprehensive overview of the thematic breadth and diversity of research at the institutes and research groups of the MWS. Information on current research foci of the institutes can be found on the respective institute websites.

DHI Warschau
Geschichtsschreibung und öffentlicher Gebrauch von Geschichte in der Spätmoderne. Kollektivsymbole und Repräsentationen des Holocaust in Deutschland und Polen
Projektbeginn: 2015
Projektende: 2018
Antragsteller/-in, Sprecher/-in, Projektleitung: Katrin Stoll
beteiligte Personen: Katrin Stoll
Themengebiet: Geschichte allgemein
Ort: Polen, Deutschland
Zeit: 20. Jahrhundert
Epoche: Neuzeit
Problemaufriss
70 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa haben wir es im „neuen Europa“ nach 1989 und der EU-Erweiterung mit der Gleichzeitigkeit eines Erinnerungsbooms, von Erinnerungskämpfen, Opferkonkurrenz und einer zunehmenden Bagatellisierung und Akzeptanz von Antisemitismus, Xenophobie und Rassismus zu tun. Dieses Phänomen wirft angesichts des Aufkommens neuer rechter Parteien und Gruppierungen grundsätzliche Fragen nach der „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno), dem Stellenwert von Auschwitz sowie dem konkreten Umgang mit der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden in der Gegenwart auf.

Forschungstendenzen und Konzeptualisierungen
Die Warum-Frage, die sich in ihrem Bemühen, das Unbegreifbare hinreichend zu erklären, notwendigerweise auf das konkrete historische Ereignis richtet und Fragen nach der historischen Bedingtheit von Täterschaft und Mittäterschaft in einer „judenfeindlich imprägnierten Kultur“ (Dan Diner) stellt, ist im historiographischen Diskurs in den Hintergrund getreten. Anthropologisch und vergleichend ausgerichtete makrogeschichtliche Ansätze, welche die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden in eine allgemeine Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts einordnen und die Shoah als einen Genozid unter anderen deuten, haben dagegen an Bedeutung gewonnen. Genozid ist dabei ein normativer, kein analytischer Begriff. Jan Tomasz Gross plädiert in Neighbors (2001) dafür, den Holocaust als ein „heterogenes Phänomen“ zu begreifen, das ein geplantes „System“ der Vernichtung darstellte und sich gleichzeitig aus „einzelnen Episoden zusammensetzte, die von lokalen Anführern improvisiert wurden, abhängig von spontanen Verhaltensweisen […]“. Es stellt sich die Frage, welche Folgen dieser Konzeptualisierungsvorschlag für die polnische Historiographie und die öffentliche Debatte über den Holocaust in Polen hatte.

Diskursive Strategien und Implikationen
Zwar gilt die Erinnerung an den Holocaust als Eintrittskarte in das neue Europa, aber die Deutung des Geschehens als ein Zivilisationsbruch, als ein Ereignis, das etwas mit uns und unserer Kultur zu tun hat und uns in der Gegenwart und Zukunft betrifft, hat sich in Europa keinesfalls durchgesetzt. Stattdessen sind im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs Strategien der Anthropologisierung, Entkontextualisierung, Normalisierung, Relativierung, Trivialisierung, Mystifizierung, Nationalisierung und Universalisierung des Holocaust zu beobachten. Diese Tendenzen finden sich sowohl im Land der Täter als auch in den seinerzeit von Deutschland besetzten europäischen Ländern. In der Bundesrepublik Deutschland dient die offizielle Politik der „negativen Erinnerung“ (Koselleck) spätestens seit den 1980er Jahren vor allem einem Zweck: „der Re-Artikulation einer deutschen Kulturnation und einer neuen nationalen Identität“ (Geyer/Hansen) – mit der Folge, dass die Auseinandersetzung mit der Realität des Geschehens in den Hintergrund rückt. Die dominante Erinnerungspolitik der polnischen Mehrheitsgesellschaft ordnet den Holocaust in ein nationales Opfernarrativ im Zweiten Weltkrieg ein, das den Mord an den Juden marginalisiert. Wie Elżbieta Janicka eindrucksvoll gezeigt hat, steht in den von der dominanten Kultur produzierten Repräsentationen das Selbstbild der polnischen Mehrheitsgesellschaft auf dem Spiel.

Erkenntnisinteresse und Fragestellungen
Das Erkenntnisinteresse des Projekts richtet sich auf die Wechselwirkungen zwischen den von der offiziellen Erinnerungspolitik produzierten Geschichtsbildern und Kollektivsymbolen und den von den Akteuren des wissenschaftlichen Feldes produzierten Interpretationen. Es befasst sich mit folgenden Fragen: Welche retrospektiven Deutungen des historischen Geschehens werden in den verschiedenen Umgangsweisen – den symbolischen Praktiken und materialisierten Erinnerungsformen, Positionen in öffentlichen Debatten, den Konzeptualisierungen, Konzepten und Begriffen im wissenschaftlichen Diskurs – zum Ausdruck gebracht? Inwieweit spiegeln die diskursiven und symbolischen Praktiken identitäts- und geschichtspolitische oder vielmehr gesellschaftskritische Anliegen? Wodurch zeichnen sich kritisch-analytische Ansätze von Akteuren des wissenschaftlichen Feldes aus, die quer zu den dominanten Erzählungen, Deutungsmustern, Konzeptualisierungen, Konzepten und Praktiken stehen?

Fallstudien
Diese Fragestellungen sollen anhand ausgewählter Fallbeispiele zu Polen und Deutschland bearbeitet werden. Für Deutschland werden u.a. der Diskurs um den 8. Mai als Tag der Befreiung, der ein Beispiel für das Phänomen der „Transformation des Opferbegriffs“ (Koselleck) nach 1945 ist, und der „Normalitätsdiskurs“ (d.h. die Etablierung des Paradigmas der „Normalität“ der nationalsozialistischen Gewaltverbrecher in der Täterforschung) rekonstruiert und dekonstruiert.

Was das wissenschaftliche Feld in Polen anbetrifft, gilt es, die Debatte um die Konzeptualisierung der polnischen Mehrheitsgesellschaft im Angesicht der Verfolgung und Ermordung der Juden zu analysieren (Revision des Konzepts und der Begriffe Zeuge / bystander). Als Beispiel für Macht- und Deutungskämpfe um symbolische Repräsentationen und materialisierte Erinnerungsformen wird die Debatte um die Errichtung des Denkmals für die polnischen Gerechten auf dem ehemaligen Warschauer Getto-Gelände ausgewählt. Die geplante Denkmalssetzung, die auf eine Initiative der Kanzlei des polnischen Präsidenten zurückgeht und als Besetzung des jüdischen Erinnerungsorts um das Getto-Denkmal angesehen werden kann, ist eine gegenläufige Entwicklung zu dem wissenschaftlichen Diskurs der neueren polnischen Holocaustforschung. Sie wirft Fragen nach der Wirkungskraft einer kritisch-analytischen Geschichtsschreibung im institutionalisierten Erinnerungsraum und nach einem Geschichts- und Zeitverständnis auf, in dem das Hier und Jetzt nicht als ein historisch Gewordenes begriffen wird.