Malte Fuhrmann
19:00 Uhr bis 21:00 Uhr / 18:00 Uhr bis 20:00 Uhr (MESZ)
Laut einer Entscheidung von 2024 sollen Istanbuls Kopfbahnhöfe, Haydarpaşa and Sirkeci, zu Kulturzentren und Museen umgebaut und zugleich ihre Rolle für den Personenverkehr reduziert werden. Auch wenn das Haydarpaşa Museum für die archäologischen Überreste Chalkedons, der antiken Vorgängerstadt des heutigen Kadıköy, und das zukünftige Migrationsmuseum in Sirkeci sich zu wichtigen Erinnerungsorten entwickeln können, bedroht die Umwandlung zu Museen die reichhaltige, verflochtene und gelegentlich unangenehme Geschichte dieser Bahnhöfe. Paradoxerweise fehlt ausgerechnet ein Ort für die Geschichte der Eisenbahn, ihrer Bedeutung für Istanbul, ihrer Reisenden, und vor allem ihrer Angestellten. Diese Geschichte droht entweder komplett vergessen oder auf Stereotype reduziert zu werden.
Ein populäres Bild der Eisenbahn in Istanbul um 1900 sieht sie als Produkt einer harmonischen Zusammenarbeit des Osmanischen und Deutschen Reichs, während ein entgegengesetztes Bild sie als Ort semikolonialer Ausbeutung und nationalemanzipatorischer Kämpfe interpretiert. Malte Fuhrmann vertritt in seinem Vortrag einen dritten Standpunkt. Nationalität spielte bei der Eisenbahn durchaus eine Rolle, wurde aber vor allem bei Auseinandersetzungen instrumentalisiert, bei denen die Konfliktlinien überwiegend zwischen den finanziellen und politischen Eliten auf der einen und den Eisenbahnarbeitern sowie der breiteren Bevölkerung auf der anderen Seite verliefen. Fuhrmann beleuchtet zunächst die Rolle der Bahn bei der Stadtentwicklung Istanbuls im späten neunzehnten Jahrhundert, um dann über den Streik von 1908 zu sprechen, der zeigt, wie sich die sozialen und politischen Dynamiken um die Eisenbahn verdichteten.
Malte Fuhrmann ist Historiker des östlichen Mittelmeers, der Türkei und Südosteuropas. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der neuzeitlichen Geschichte von Kolonialismus, Stadtentwicklung, Kultur, sozialem Gedächtnis und Verkehrsinfrastruktur. Er ist derzeit wissenschaftlicher Koordinator des Projekts Hafiza İzmir: Izmir Memories an der Universität Gießen, hat in Berlin, Istanbul, Bukarest und Sofia geforscht und in Istanbul, Konstanz und Bochum gelehrt. Zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem Port Cities of the Eastern Mediterranean: Urban Culture in the Late Ottoman Empire (Cambridge University Press, 2020), das sich hauptsächlich mit Thessaloniki, Izmir und Istanbul befasst; Konstantinopel – Istanbul: Stadt der Sultane und Rebellen (Frankfurt am Main: S. Fischer, 2019), eine Geschichte Istanbuls von der Antike bis heute; sowie das preisgekrönte Buch Der Traum vom deutschen Orient: Zwei deutsche Kolonien im Osmanischen Reich 1851-1918 (Frankfurt (M.): Campus, 2006) über den deutschen Kolonialismus in Thessaloniki/Mazedonien und Izmir/Westanatolien. Derzeit arbeitet er an einer Monographie über verflochtene osmanische, türkische und bulgarische Infrastrukturen und Machtverhältnisse.
Veranstaltet vom Deutschen Generalkonsulat Istanbul und dem Orient-Institut Istanbul im Rahmen der Reihe Beyoğlu Heritage Days der Beyoğlu Stadtverwaltung.
Die Veranstaltungssprache ist Englisch. Die Teilnahme ist kostenlos. Für eine Teilnahme vor Ort wird um Anmeldung über den untenstehenden Link gebeten. Für die Online-Teilnahme ist keine Anmeldung erforderlich. Während der Veranstaltung werden Fotos und Videos aufgenommen. Mit Ihrer Teilnahme erklären Sie sich damit einverstanden, dass diese auf der Website, im Newsletter und in den sozialen Medien des OII verwendet werden dürfen. Die Veranstaltung wird nicht aufgezeichnet.