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Japans digitale Transformation: Vorreiter, Nachzügler und Partner

Dr. phil. Harald Kümmerle

Im Umgang mit der digitalen Transformation nimmt Japan eine ambivalente Position ein. So galt das Land Anfang der 2000er-Jahre als internationaler Vorreiter in der Verwendung des mobilen Internets. Heute hingegen ist vermehrt von einem Rückstand im Bereich der digitalen Transformation Rede. Harald Kümmerle untersucht in seinem Forschungsprojekt den japanischen Daten-Diskurs. 

Mein Forschungsprojekt zur digitalen Transformation in Japan nimmt insbesondere den Diskurs zu Daten in den Blick, d. h., wie in der japanischen Öffentlichkeit über Daten gesprochen wird. Daten sind heutzutage weltweit von besonderem Interesse, weil viele in ihnen den wichtigsten Rohstoff für die Wirtschaft sehen und sie sogar als das „neue Öl“ bezeichnen. Für Plattform-Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook sind die Daten ihrer Benutzerinnen und Benutzer der Schlüssel ihres Erfolges. Sie erzielen enorme Gewinne indem sie Werbung auf die Benutzerinnen und Benutzer abstimmen und benutzen die Daten gleichzeitig zur Verbesserung ihrer Dienste. In China ist die Situation mit Unternehmen wie Baidu, Alibaba und Tencent ähnlich.

Japan zwischen Fortschritt und Rückstand

In Japan gibt es zwar keine Plattform-Unternehmen, die Daten in diesem Maßstab verwerten können. Der japanische Diskurs ist aber besonders interessant, weil Japan Anfang der 2000er-Jahre internationaler Vorreiter in der Verwendung des mobilen Internets war. So wie heute in China glaubten europäische und amerikanische Journalistinnen und Journalisten, die Zukunft digitaler Technologie in Japan zu finden. Heute hingegen ist die Sicht verbreitet, dass es sich damals in Japan um eine Sonderentwicklung handelte, die irgendwann vor allem noch für Historikerinnen und Historiker von Interesse sein werde. Auch Japanerinnen und Japaner sprechen nun von einem Rückstand, und die einst erfolgreiche Tradition wird oft als Hindernis dabei gesehen, der „internationalen Entwicklung“ zu folgen. Das iPhone wird heute mit den sogenannten Schwarzen Schiffen verglichen, mit denen die Amerikaner 1854 die Öffnung Japans erzwangen.

Der japanische Daten-Diskurs spiegelt diese Diagnose eines Rückstandes, den man „aufholen“ will, allerdings so nicht wider. Die Regierung verfolgt stattdessen das Ziel, mit einer doppelten Strategie die traditionellen Stärken der japanischen Wirtschaft zur Geltung zu bringen: Zum einen durch eine umfassende nationale Dateninfrastruktur, zum anderen durch den Versuch, selbst internationale Standards zu setzen. Die zugrundeliegende Argumentation, aber auch Kritik an der Strategie, lässt sich anhand der Sitzungsprotokolle des japanischen Parlaments herausarbeiten. Diese untersuche ich mit Methoden der Digital Humanities. Mit Textmining-Algorithmen identifiziere und analysiere ich besonders relevante Redebeiträge des vergangenen Jahrzehnts.

Innovative Informationsbanken – zum Scheitern verurteilt?

Ein besonders interessanter Aspekt der nationalen Datenstrategie ist das System der sogenannten „Informationsbanken“ (jōhō ginkō, auf Englisch offiziell: Trusted Personal Data Management System). Hierbei handelt es sich um Unternehmen, die ähnlich wie traditionelle Banken funktionieren: Kundinnen und Kunden können ihre Daten einer Informationsbank anvertrauen, die dann selbstständig nach Investitionsmöglichkeiten für diese Daten sucht, also nach Unternehmen, die Daten gewinnbringend verwerten können. Die Informationsbank muss dabei darauf achten, dass Regeln des Datenschutzes gewahrt werden, dass in jedem Fall ein Einverständnis für die Weitergabe vorliegt, und dass eine Beteiligung der Kundinnen und Kunden am Mehrwert erfolgt.


Obwohl die erste Informationsbank schon 2019 zertifiziert wurde, sind Informationsbanken bisher über den Probebetrieb nicht hinausgekommen. Als wichtigster Grund hierfür wird eine zu geringe Bereitschaft gesehen, Daten Dritten anzuvertrauen. Außerdem ist der Gegenwert für die Zustimmung der Datenweitergabe schwer zu bestimmen. Auch Personen, die das System mitkonzipiert haben, äußern sich eher skeptisch. Ist das innovative System der Informationsbanken also gescheitert? Hat Japan, das ohnehin als „rückständig“ angesehen wird, sich zu viel vorgenommen?

Ein Vergleich mit Entwicklungen in der EU zeigt, dass ein solches Urteil verfrüht wäre. Die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) hat zwar die Rechte des Endbenutzers gegenüber Firmen, die Daten verarbeiten, gestärkt. Oft heißt es, die Verordnung sei so etwas wie der Goldstandard in Sachen Datenschutz. Wie Daten aber nicht nur geschützt, sondern der Wirtschaft systematisch zugutekommen können – also genau das Problem, das die Informationsbanken lösen wollen – geht aus der DSGVO nicht hervor. Eine Regelung von Vermittlern, sogenannten Datenintermediären, die wie in Japan auf die Schaffung eines Datenmarktes abzielt, ist mit dem europäische Daten-Governance-Gesetz kurz davor, beschlossen zu werden (Stand: Februar 2022). Ob die europäischen Nutzer sich vom geplanten „Datenaltruismus“ überzeugen lassen, ist aber keineswegs sicher. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist Japan bei der digitalen Transformation nicht im Rückstand, sondern hat bei der Schaffung einer Dateninfrastruktur sogar schon wichtige Erfahrungswerte sammeln können. Nicht ohne Grund wird das Team, das einen technischen Standard für einen internationalen Datenmarkt entwickeln soll, von Japanerinnen und Japanern geleitet.

Japan und Europa als Partner im internationalen Datenwettbewerb

Dass sich die japanischen und europäischen Entwicklungen ergänzen, ist kein Zufall. Das konnte ich selbst bei den regelmäßigen EU-Japan Digital Strategy Workshops miterleben, zuletzt im November 2021. Vertreter von Ministerien, Unternehmen und Wirtschaftsverbänden besprechen dort ihre Vorhaben zu Gesetzgebung und Strategie und stimmen diese über mehrere Jahre im Voraus aufeinander ab. Seit 2019 gibt es einen gemeinsamen europäisch-japanischen Datenverkehrsraum und auch das System der Informationsbanken, dessen Idee bis in die 2000er-Jahre zurückreicht, ist inzwischen mit der DSGVO konform. Im Wettbewerb mit amerikanischen und chinesischen Plattform-Unternehmen spielen Europa und Japan sozusagen im gleichen Team. Sie sind, wenn überhaupt, gemeinsam im Rückstand.

Auch als liberale Demokratien verfolgen Japan und die EU gemeinsame Ziele bei der Anwendung der digitalen Transformation. So haben sich sowohl die EU als auch Japan gegen die Unterdrückung der Uiguren in der chinesischen Region Xinjiang ausgesprochen, die ohne die Sammlung und Auswertung von Daten mittels Überwachungstechnologie in diesem Maße nicht möglich wäre. Trotz aller Pragmatik: Die ethische Verwendung von Daten, wie auch das Sprechen darüber, ist vom Menschenbild und vom Verständnis der Menschenrechte nicht zu trennen. Auch dies motiviert mich bei meiner Forschung.