Globalisierungshub für die deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften:

Die Max Weber Stiftung in Zeiten wissenschafts- und geopolitischer Krisen

 

An vielen Orten der Welt sind liberale Demokratien und offene Gesellschaften unter Druck geraten. Autoritäre Regime erstarken, Wissenschaftsfreiheit ist bedroht und die globalen geopolitischen Machtverhältnisse sind im Wandel begriffen. Das hat die Bedingungen dafür, „weltweit vor Ort“ zu sein, verändert. Umso nachdrücklicher verfolgt die Max Weber Stiftung (MWS) ihr wissenschaftsgeleitetes, transparentes und demokratisches Forschungsengagement. Verankert in einer offenen und demokratischen Gesellschaft „daheim“, will die MWS auch in Zukunft in ihren Gastländern ein Hub für wissenschaftliche Vernetzung und transkulturellen Dialog, Wissenschaftsfreiheit und kooperatives Forschen in den Geistes- und Sozialwissenschaften sein.

Die MWS nimmt im deutschen Wissenschaftssystem eine besondere Stellung ein. Sie ist die einzige dauerhaft im Ausland forschende deutsche Wissenschaftseinrichtung. Die in ihr zusammengefassten Institute betreiben und fördern Spitzenforschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften (GSW) mit geschichts- und regionalwissenschaftlichen Schwerpunkten und unter Einbindung „kleiner Fächer“. Im Rahmen des Satzungsauftrags definieren die Institute ihr Forschungsprogramm eigenständig. Forschungsvorhaben sind oft multidisziplinär und international vergleichend sowie transkulturell, transregional und global gerahmt. Die Rückkopplung mit dem deutschen Wissenschaftssystem wird durch die (befristete) Besetzung der Direktorate, der wissenschaftlichen Stellen und Beiräte, durch Programme zur Förderung wissenschaftlicher Karrieren sowie durch wissenschaftliche Aktivitäten gewährleistet, die Institute gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern in Deutschland durchführen.

Als einzigartige Multiplikatoren deutscher GSW im Ausland tragen die MWS-Institute die Kontakte aus ihren Gastländern nach Deutschland zurück. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs bieten sie ausgezeichnete Arbeitsbedingungen und Förderformate, die eine Karriere im nationalen und internationalen Forschungsraum erleichtern sollen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland erhalten einen bestmöglichen Zugang zu Forschungsressourcen vor Ort sowie Kooperationsmöglichkeiten in den Gastländern und angrenzenden Regionen. In diesen Kooperationen positionieren sich die Institute einerseits als wissenschaftliche Leuchttürme, die Wissenschaftsfreiheit und liberaldemokratische Werte – auch unter sich wandelnden politischen Rahmenbedingungen im Gastland – hochhalten und garantieren. Andererseits betätigen sie sich als Brückenbauer und suchen das gegenseitige Verständnis zwischen Deutschland und dem Gastland zu fördern. Von gegenseitigem Respekt und Vertrauen getragene, langfristige Beziehungen sind insbesondere dort von unschätzbarem Wert, wo politische Spannungen die wissenschaftliche Freiheit bedrohen oder eine belastete Vorgeschichte den Dialog erschwert.

Als Stiftung mit derzeit zehn Instituten und einem regionalen Forschungsnetzwerk ist die MWS dem Prinzip einer „Zusammenarbeit in und durch Vielfalt“ verpflichtet. In einem intensiven Dialog über die konkrete Umsetzung dieses Grundsatzes haben Gremien der Stiftung die 2020 verabschiedete Strategie 2030 erarbeitet. Vor dem Hintergrund neuer geo- und wissenschaftspolitischer Herausforderungen hat die Stiftung ihre Strategie seitdem proaktiv weiterentwickelt.  

Zielsetzung, Handlungsfelder und Formate

Geopolitische, sozioökonomische und technologische Umbrüche stellen Gesellschaften weltweit vor große Herausforderungen. In diesem Kontext sind international aufgestellte GSW, wie sie in der Stiftung zusammengefasst sind, wichtiger denn je. Als Seismographen für neue Entwicklungen führen die Institute der MWS Erkenntnisse und Perspektiven aus unterschiedlichen Weltregionen zusammen. Unterstützt durch eine effektive Wissenschaftskommunikation tragen ihre Forschungsergebnisse und die ihrer Partner in den jeweiligen Regionen zur Reflexion komplexer Sachverhalte in einer globalisierten Welt bei. Zugleich konterkariert die Arbeit der Institute Abschottungstendenzen, die den wissenschaftlichen Diskurs in zahlreichen Ländern verengen, und lenkt den Blick auf regionale Dynamiken und Eigenlogiken, die teilweise quer zu globalen Entwicklungen stehen.   

Im stiftungsweiten Kontext bearbeiten die Institute relevante Forschungsthemen aus historischer und gegenwartsbezogener Sicht. Dazu gehören kulturelles Erbe und Erinnerung, Imperien und Migration, transkulturelle Verflechtungen, Ungleichheit und soziale Kohäsion, Gewalt und Krieg, Infrastrukturen und Umwelt, Geschlecht, Religion und Wissen sowie technologische, mediale und gesellschaftliche Transformationen. Die MWS sichert die hohe Qualität ihrer Arbeit durch die wissenschaftlichen Beiräte der Institute, zusätzlich durch externe Evaluierungen in regelmäßigem Turnus.

Die institutionelle Bundesförderung der MWS und ihrer Institute ermöglicht den Betrieb und Aufbau von nachhaltigen und grenzüberschreitenden Forschungsinfrastrukturen unter Maßgabe der verfügbaren Haushaltsmittel. Neue Forschungsfelder werden zudem über drittmittelfinanzierte Projekte erschlossen.

In Deutschland sieht sich die MWS in eine Forschungslandschaft eingebettet, in der weitere, der Internationalisierung verpflichtete Einrichtungen agieren (Alexander von Humboldt Stiftung, Maria Sibylla Merian Centres for Advanced Studies, DAAD etc.). Die MWS steht mit ihnen in einem engen  Austausch, um Synergien und Kooperationen auszuloten und zugleich ihr Alleinstellungsmerkmal zu akzentuieren.

Ziel der strategischen Weiterentwicklung ist es, die bislang erbrachten Spitzenleistungen in Forschung und Karriereförderung weiter auszubauen. Dabei werden die Stärken der Diversität, die aus der Eigenständigkeit der Institute und ihren unterschiedlichen Handlungskontexten resultieren, gefördert. Gleichzeitig gilt es, Innovationspotenziale auszuschöpfen, die sich durch eine intensivere Zusammenarbeit der Institute ergeben. Dementsprechend stehen seit 2020 fünf strategische Handlungsfelder im Mittelpunkt der Stiftungsarbeit: Internationalisierung, Karriereförderung, digitale Transformation, Wissenschaftskommunikation und interne Vernetzung. 

Internationalisierung

Internationalisierung

Internationalisierung ist ein zentrales strategisches Anliegen der MWS. Sie setzt dabei, gemäß ihrem Stiftungszweck, auf den Ausbau und Erhalt nachhaltiger Forschungsinfrastrukturen in ausgewählten Regionen weltweit. In Zeiten wissenschafts- und geopolitischer Krisen reagiert die Stiftung flexibel auf Herausforderungen und erschliesst neue Gastländer insbesondere dort, wo sie für die deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften von Interesse sind.

Innerhalb Europas ist die MWS mit ihren Instituten in Rom, Paris, London, Warschau und Istanbul stark vertreten. Im östlichen Europa baute sie ihre Aktivitäten infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seit 2022 um. Sie schloss 2024 das DHI Moskau und richtete stattdessen Forschungszentren in Helsinki (Finnland), Tbilissi (Georgien), Vilnius (Litauen) und Lviv (Ukraine) ein. Außerhalb Europas konnte mit dem Max Weber Forum für Südasienstudien in Delhi ein neues Institut gegründet werden. Zudem wurde das DHI Washington in die Lage versetzt, sein Pacific Regional Office in Berkeley nachhaltig auszubauen. In Afrika ist die Stiftung durch die Beteiligung des DHI Paris am Merian-Kolleg MIASA in Accra (Ghana) und das Kairoer Büro des Orient-Instituts Beirut präsent.

Auch angesichts verknappter Ressourcen hält die Stiftung am Ziel ihrer weiteren Internationalisierung fest und unterstützt entsprechende Initiativen ihrer Institute, aktuell in Lateinamerika und im Indo-Pazifik. Zudem fördert sie die institutsübergreifende Zusammenarbeit, vorzugsweise durch das wettbewerblich angelegte Instrument der Transnationalen Forschungsgruppen. Sie werden gemeinsam mit wissenschaftlichen Partnern im In- und Ausland entwickelt und für die Erschließung neuer Forschungsräume eingesetzt.

Für die Priorisierung entsprechender Initiativen seitens des Stiftungsrats gelten folgende Kriterien: 

  • das forschungsstrategische Potenzial des Landes/der Region für die deutschen GSW;
  • die Berücksichtigung wissenschafts- und geopolitischer Entwicklungen weltweit;
  • der klare Bezug zu den Aufgaben der MWS (Forschung und Nachwuchsförderung);
  • zweckdienliche und strukturbildende Formate, die nachhaltige Kooperationen vor Ort und in der Region ermöglichen;
  • Abstimmung mit Förderinitiativen nationaler und internationaler Partnereinrichtungen wie Maria Sibylla Merian Zentren oder DAAD.
     
Karriereförderung

Karriereförderung

Durch ihre enge Verzahnung mit dem deutschen Wissenschafts- und Universitätssystem bieten die Institute der MWS international ausgerichteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Qualifizierungsphase einzigartige Forschungs- und Arbeitsbedingungen, die sich in der Regel in exzellente Karriereaussichten übersetzen. Bislang ist es stets gelungen, die besten Köpfe als wissenschaftliche Mitarbeitende zu gewinnen. Sie tragen nach ihrer Rückkehr aus den MWS-Gastländern signifikant zur Internationalisierung des Hochschulstandortes Deutschland bei.

Die MWS setzt sich nachdrücklich für ein Wissenschaftszeitvertragsgesetz ein, das den Besonderheiten der Forschungstätigkeit im Ausland Rechnung trägt. 

Um die Qualifizierungsperspektiven für das wissenschaftliche und wissenschaftsnahe Personal nachhaltiger zu gestalten, setzt die MWS auf folgende Förderformate und Karrieremodelle:

  • aktive Unterstützung wissenschaftlicher und wissenschaftsnaher Karrieren im Anschluss an eine erfolgreiche Postdoktoranden- bzw. Habilitationszeit an den Instituten durch die Gremien der MWS, die wissenschaftlichen Beiräte und kooperierende deutsche Forschungsinstitutionen;
  • Einbindung des Nachwuchses in Vernetzungsaktivitäten, Konferenzen und Forschungsprojekte sowie Unterstützung beim Aufbau eines internationalen Netzwerks, das über Kontakte im Gastland hinausgeht;
  • Angebot von befristeten, wettbewerblich vergebenen Kooperationsstellen an deutschen Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen im unmittelbaren Anschluss an die Tätigkeit an einem der Auslandsinstitute;
  • Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Rahmen rechtlicher Möglichkeiten und in Anpassung an die Gegebenheiten im Gastland und im deutschen Forschungsraum.
     
Digitale Transformation

Digitale Transformation

Neben der zunehmend globalen Ausrichtung von Spitzenforschung bestimmen Digitalisierung und künstliche Intelligenz die wissenschaftliche Entwicklung. Die MWS erweitert die Digital Humanities (DH)-Initiativen an deutschen Universitäten unter Rückgriff auf entsprechende Entwicklungen in den Gastländern. Umgekehrt trägt sie wegweisende Erkenntnisse und Vorhaben aus Deutschland in ausländische Wissenschaftssysteme. Außerdem beteiligt sie sich federführend an den nationalen Forschungsdateninfrastrukturen (NFDI).  

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Institute verbinden Grundlagenforschung mit der fortschreitenden Digitalisierung von Forschung und Forschungsinfrastrukturen. Leuchtturmprojekte der MWS dienen der digitalen Erschließung, Edition und Auswertung wichtiger Quellenbestände, der KI-gestützten Analyse von Sprachmustern, Handschriften, Statistiken und Tonquellen sowie der Reflexion hermeneutischer und ethischer Probleme beim Einsatz neuer Techniken. Die Methodenkompetenz in den Digital Humanities wird in Kooperationen mit international führenden Zentren, durch stiftungsweite Projekte und Fortbildungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs gestärkt. Die Anwendungsfelder reichen von den Urkunden der Mönchsrepublik Athos und migrantischen Briefen aus früheren Jahrhunderten bis hin zur Dokumentation von Massengräbern des Holocaust und Citizen Science-Projekten.

Wissenschaftskommunikation

Wissenschaftskommunikation

Der Dialog mit Öffentlichkeit, Gesellschaft und Politik ist ein wesentlicher Bestandteil des Selbstverständnisses der MWS. Ihre Wissenschaftskommunikation zielt darauf ab, Forschungsergebnisse und regionale Expertisen in aktuelle Diskurse in Deutschland und in den Gastländern einzubringen. Zugleich begleitet und vermittelt sie stiftungsweite Projekte in Schulen sowie in den öffentlichen und parlamentarischen Raum. Einen wichtigen Ansatzpunkt bieten die 2025 etablierten Jahresthemen, die historische Prozesse und Ereignisse aus aktueller Perspektive beleuchten und die die einzelnen Institute vor ihrem je spezifischen regionalen Hintergrund adressieren.

Die MWS ist den Prinzipien Open access und Open Science verpflichtet. Die stiftungseigene Plattform perspectivia.net und die über https://de.hypotheses.org/ betriebenen wissenschaftlichen Blogs sind von großer Bedeutung für das offene digitale Publizieren in den deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften.

Interne Vernetzung

Interne Vernetzung

Die Multiperspektivität der Stiftung und die in der MWS vereinten Regionalkompetenzen bergen erhebliches innovatives Potenzial für die Erörterung grundlegender methodischer sowie aktueller wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Fragen. Dieses Potenzial wird durch verstärkte Kooperation zwischen den Instituten gezielt genutzt. Dazu dienen unter anderem die Jahrestagungen und Konferenzen der Stiftung sowie gemeinschaftliche Forschungsvorhaben. 

Unter Wahrung der Eigenständigkeit der Institute konzentriert sich die wissenschaftliche Zusammenarbeit insbesondere auf Forschungsthemen, die mit vergleichenden, transregionalen und globalen Ansätzen – auch in interdisziplinärer Konstellation – von mehreren Instituten bearbeitet und ggf. zum Nukleus internationaler Forschungsverbünde werden können. Von einer „Vernetzung der Netzwerke“ profitieren die Auslandsinstitute und dort tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenso wie die GSW an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen. 

Vernetzung und Zusammenarbeit unter den Instituten finden auch durch gemeinsame Initiativen im Bereich der digitalen Transformation, bei stiftungsweiten Weiterbildungsangeboten für den wissenschaftlichen Nachwuchs und in der gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland statt. Wissenschaftsnah Beschäftigte werden ebenfalls einbezogen, durch den Austausch von Personal und best practice-Modellen in Verwaltung und Wissenschaftsmanagement zwischen den MWS-Standorten einerseits und Ministerien, Stiftungen, Fachverbänden etc. andererseits (Practitioners Programme).

Ausblick

In einer Zeit, in der der Modellcharakter der liberalen Demokratie und die darin gründende Wissenschaftsfreiheit zunehmend in Frage gestellt werden, vertritt und verteidigt die MWS in ihren Auslandsinstituten ein transparentes und demokratisches Verständnis von Wissenschaft und Forschung. Sie will diese Leuchtturmfunktion auch in Zukunft wahrnehmen und in jenen Weltregionen ausbauen, in denen sie bislang nicht vertreten ist. Dazu bedarf es der Abstimmung mit anderen nationalen und internationalen Forschungsaktivitäten sowie mit den zuständigen Ministerien. Eine auskömmliche und verlässliche Finanzierung ist die Grundlage, damit gegenwärtige und zukünftige Institute ihrem Forschungs- und Verständigungsauftrag nachkommen können.

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