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Utopische Ingenieure – oder das Nachdenken über die Technik als Ursache und Lösung sozialer Probleme

Dr. Claudia Roesch

Utopisches Denken ist heute in den verschiedensten Bereichen gefragt, etwa wenn es um die Herausforderungen der Digitalisierung, des Klimawandels und der Künstlichen Intelligenz geht. Das Nachdenken über neue Gesellschaftsentwürfe spielte jedoch auch schon im 19. Jahrhundert eine Rolle, wie Claudia Roesch vom Deutschen Historischen Institut Washington am Beispiel utopischer Ingenieure in den Amerikas zeigt.


In Port-of-Spain, der Hauptstadt von Trinidad & Tobago, fahren heute Maxitaxis auf einem ehemaligen Bahndamm. Hier verkehrte von 1876 bis 1968 die Trinidadische Eisenbahn. Erster Ingenieur eines Eisenbahnprojekts auf Trinidad war der Thüringer John Adolphus Etzler. Erster Geschäftsführer der Eisenbahngesellschaft war der aus Ulm stammende Zeitungsverleger, Ingenieur und Geschäftsmann Conrad Friedrich Stollmeyer.

Etzler und Stollmeyer waren unabhängig voneinander in den 1830er Jahren in die USA ausgewandert und trafen sich im Jahr 1840 auf einer Veranstaltung zum Geburtstag des französischen Frühsozialisten Charles Fourier in Philadelphia. Gemeinsam beschlossen sie eine Kolonie zu gründen, in der sie mit Maschinen die sozialen Probleme ihrer Zeit lösen wollten. Der britische Frühsozialist Robert Owen wurde zu ihrem größten Förderer und Stollmeyer reiste bald nach Großbritannien, um dort für Unterstützung für ihr Vorhaben zu werben.

Die Maschinen

Etzler meldete im Jahr 1841 zwei Patente an, eins für den sogenannten „Naval Automaton“, eine Art propellerbetriebenes Boot, welches den Atlantik innerhalb von 24 Stunden überqueren sollte. Das zweite war für einen mit Windkraft betriebenen „Satellit“. Der Satellit bestand aus einem Windrad, das ein Gestänge bewegte. Die Bewegung wurde dazu genutzt, über einen Keilriemen eine sich horizontal drehende Scheibe anzutreiben. Auf dieser Scheibe war ein weiterer Riemen mit einem Endstück gespannt, welches sich kreisförmig um das Windrad drehte. An dem Endstück konnte eine Schaufel befestigt werden, die so in einer kreisförmigen Bewegung um das Windrad herum Erde umgraben sollte. Der Name Satellit bezog sich auf diese kreisförmige Bewegung.

In dem Patentantrag versprach Etzler, der Satellit könne pflügen, Brunnen und Mienenschächte ausheben, Getreide aussähen, mähen und ernten, Bäume fällen und als Kran schwere Gegenstände heben – sozusagen eine alleskönnende Supermaschine. Ein Satellit könne ein menschliches Paradies auf Erden erschaffen, schrieb Etzler schon in seinem im Jahr 1833 erschienen Band The Paradise within the Reach of Men, in dem alle Menschen im Überfluss lebten und keiner dank des Einsatzes der Maschinen mehr als vier Stunden im Monat körperlich arbeiten müsse. Wer möchte das nicht?

Utopisches Denken und Sozialreform

Die Forschungsliteratur der letzten 20 Jahre hat Etzler als „mad inventor“, als Spinner beschrieben. Ich nehme Etzler jedoch als einen Zeugen einer Zeit im Umbruch wahr, der die Herausforderungen seiner Zeit mit technischen Mitteln lösen wollte. Etzler und Stollmeyer reihten sich damit in eine Reihe von Ingenieuren[1], Sozialreformerinnen und -reformern, Frühsozialistinnen und -sozialisten sowie Kommunenmitgliedern ein, die im 19. Jahrhundert die Mechanisierung sowohl als Ursache als auch als Lösungsansatz für soziale Probleme ihrer Zeit, von der Sklaverei bis zur Kinderarmut, betrachteten.

Das Utopische an ihrem Denken war dabei nicht, dass sie perfekte Gesellschaftsentwürfe präsentierten, die nicht umsetzbar waren, sondern, dass sie in der Lage waren, sich eine Zukunft vorzustellen, die radikal anders war als ihre Vergangenheit und Gegenwart. Utopische Ingenieure waren fähig, sich eine Zukunft auszumalen, in der Menschen in Kommunen zusammenlebten, kooperative Güterteilung praktizierten, die die durch die Maschinen gewonnene Freizeit zur Weiterbildung nutzten, und mithilfe ihrer Fähigkeit zum rationalen Denken weitere Maschinen erfanden, die die Menschheit weiter voranbrachten.

Mein Projekt

Mein Projekt untersucht am Beispiel der utopischen Ingenieure den Zusammenhang zwischen Sozialismus, Naturwissenschaften und Kolonialismus in den Amerikas des 19. Jahrhunderts. Ich frage, inwiefern sich die frühen Sozialistinnen und Sozialisten als Zeitzeuginnen und -zeugen der Industrialisierung selber naturwissenschaftliches Wissen angeeignet und verbreitet haben. Außerdem interessiert mich, wie sie sich in der Debatte, ob eine voranschreitende Technisierung mehr Freizeit oder mehr Arbeitslosigkeit bedeutete, positionierten. An diesem Punkt knüpft mein Projekt an heutige Debatten an, die ebenfalls die Frage aufwerfen, ob die fortschreitende Digitalisierung zu mehr Freiheitsräumen oder dem Verlust von Arbeitsplätzen führen wird. Auch heute ist utopisches Denken gefragt, etwa wenn es um die Herausforderungen der Digitalisierung, des Klimawandels und der künstlichen Intelligenz geht.

Das Scheitern der Utopie

Ein erster Versuch, mit dem Satelliten ein Feld in Oxfordshire zu pflügen, endete darin, dass die Pflugscharren einige Pfund Erde bewegten, bevor die Maschine auseinanderbrach. Der Prototyp des Naval Automaton versank sang- und klanglos in der Themse. Dennoch konnten Etzler und Stollmeyer rund 250 willige Aussiedlerinnen und -siedler finden, die bereit waren, mit ihnen nach Venezuela auszuwandern und dort ein unbewohntes Stück Land zu besiedeln.

Ende des Jahres 1845 bestieg die erste Gruppe an Auswanderinnen und Auswanderern ein Schiff in Richtung Port-of-Spain, um von Trinidad aus nach Venezuela überzusetzen. Während Etzler und Stollmeyer sich dort ihrem Eisenbahnprojekt widmeten, begann die erste Auswanderungsgruppe das Land in Venezuela zu räumen. Als der Satellit nicht funktionierte und erste Siedlerinnen und Siedler an Gelbfieber verstarben, stellte der Rest der Auswanderungsgruppe fest, dass noch Jahre harter Arbeit vergehen würden, bis sie im Überfluss leben konnten. Resigniert kehrten sie nach Port-of-Spain zurück. Etzler selbst verließ die Karibik und verschwand auf hoher See.

Die Gelegenheiten der Kolonien

Stollmeyer ließ sich mit seiner Familie in Trinidad nieder, investierte neben der Eisenbahn auch in Kokosplantagen und pachtete Land, auf dem es natürliche Teer- und Ölvorkommen gab. Er exportierte Teer in die europäischen und amerikanischen Metropolen und entwickelte zusammen mit seinem britischen Geschäftspartner Thomas Cochrane ein Verfahren zur Herstellung von Kerosin. Seine Nachfahrinnen und Nachfahren investierten in den Anbau von Kakao und Zitrusfrüchten, erbauten das sogenannte „Stollmeyer Castle“ im Zentrum von Port-of-Spain, wurden weltberühmte Cricketspieler, Wohltäterinnen und Wohltäter oder abstrakte Maler. So wurden die Stollmeyers dank eines glücklichen Zufalls zu einer der bekanntesten Familien Trinidads.


[1] Bei den Ingenieuren handelt es sich ausschließlich um männliche Ingenieure. Deshalb wird im Folgenden nur die männliche Form verwendet.